Der zeitliche Hauptanteil der Therapiestunden gehört selbstverständlich immer der Arbeit am Stoff (das heisst am Symptom der Störung): Laute, Buchstaben, Buchstabengruppen, Lautverbindungen, Lesetechniker und Rechtschreibregeln werden auf immer wieder neue, spielerische Art geübt und gefestigt. Im Rechnen wird Schritt für Schritt der Zahlenraum aufgebaut, gefestigt und erweitert. Grundrechnungen werden geübt, Zahlbeziehungen erarbeitet. In jede Stunde gehören aber auch einige Wahrnehmungs- und Sinnesübungen. Sie geben mir dir Möglichkeit, die Störung doch auch an der Wurzel anzugehen. Übungen und Spiele für genaues Beobachten und differenziertes Zuhören, zur Schulung des rhythmischen Gefühls, des Raum Empfindens, der Formerfassung − sie lockern die Stunden auf und können sogar bisweilen den Kindern echte Erlebnisse vermitteln. Am wichtigster scheinen mir in diesem Zusammenhang die Übungen für den Tastsinn. «Ist es möglich, dass es so vielerlei Blätter gibt auf der Welt!» ruft ein Kind erstaunt aus, das zum ersten Mal in seinem Leben die harte Glätte eines Rosenblattes, die pelzige Weichheit der Zimmerlinde mit den Fingern tastend erfahren hat. Die kühle Schwere eines Bachkiesels, die Feinheit und Wärme eines geschliffenen Holzstücks zum Beispiel − das sind für viele unserer «Fernsehkinder» neue Sinnes-Erfahrungen, die ihnen ein ganz klein wenig helfen sollen, die Welt zu begreifen.
Hier nun einige ganz persönliche Bemerkungen zur Rechenschwäche. Böse Zungen behaupten, die Dyscalculie sei zusammen mit der neuen Mathematik «erfunden» worden. Es trifft sicher zu, dass die neuen, zum Teil noch etwas unübersichtlich aufgebauten Lehrmittel vor allem der Unterstufe für Kinder mit wenig beweglicher Intelligenz mehr Stolperstellen eingebaut haben als der Rechenunterricht nach herkömmlichem Muster. Einige ganz wesentliche Ursachen − hier abgesehen von den leichten hirnorganischen Störungen, die sowohl eine Legasthenie als auch eine Dyscalculie bewirken können − sehe ich jedoch in den Bedingungen unserer Gesellschaft, unserer Umwelt:
Vielen Kindern fehlen in ganz entscheidendem Masse die elementarsten Erfahrungen im Umgang mit Dingen. Sie haben nie im Spiel erlebt, wie Steine, Sand und Wasser sich mit- und gegeneinander verhalten, nie die Kräfte des fliessenden Wassers beim Spielen im Bach erprobt, nie beim Drachensegeln den Wind erfahren. Ihnen fehlen später die nötigen Begriffe der elementaren Physik und Geometrie, ohne die der Aufbau des Rechnens nicht möglich ist.
In unserer westlichen Zivilisation war bis vor wenigen Jahren die Person des Vaters die Verkörperung der Autorität. Er bestimmte die Grenzen, innerhalb derer sich das Kind bewegen durfte, stellte die Ordnung her, bestimmte sozusagen die Regeln im Spiel des Lebens. Nun sind ja sowohl das Rechnen als auch die Orthographie auch eine Art Spiele nach sehr bestimmten, genau definierten Regeln. Hat ein Kind eine gestörte Vaterbeziehung, kennt seine Erziehung entweder gar keine oder aber allzu starre Ordnungen und Regeln, so wird ihm der Umgang mit Zahlen und Rechtschreibregeln wahrscheinlich auch Mühe bereiten.
Was ist nun aber eigentlich das wirklich Wesentliche in den Therapiestunden? Wir können ja weder unsere Gesellschaft noch das häusliche Umfeld unserer Kinder ändern. Wir können in geduldiger, liebevoller Kleinarbeit einiges aufbauen und heilen, doch zaubern können wir ja nicht. Das wirklich Wesentliche der Therapie, meine ich, geschieht eigentlich «zwischen den Zeilen» der Therapiestunden, in der unmittelbaren, lebendigen Beziehung zu eben diesem Kind, in der ungeteilten Aufmerksamkeit für das Kind, die einen spüren lässt, was gerade dieses Kind in diesem Augenblick braucht. So ist jede Therapie ein Wagnis, und es lässt sich nie zum Voraus sagen, ob und wie rasch ein Erfolg sich einstellen wird.