Der Hüttnersee
Quelle: Publikation 1987, S. 64-70 von Peter Ziegler
Fische und Krebse aus dem Bitetsee
Die älteste urkundliche Erwähnung des Hüttnersee datiert vom 6. August 1520. Das Gewässer trug damals den Namen «Bibetsee», eine Bezeichnung, welche sich bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts erhalten hat. Schon auf der Zürcher Kantonskarte von Hans Conrad Gyger aus dem Jahre 1667 tritt der Name Hüttnersee auf, der sich in der Folge durchsetzte und die ursprüngliche Bezeichnung verdrängte.
Der Hüttnersee war seit alter Zeit fischreich. Schon 1520 stritt der Johanniterkomtur Johannes von Hattstein mit fünf Anwohnern – Ruedi Strickler im Feldmoos, Hans Strickler auf Unter Laubegg, Ruedi Hiestand an der Blegi, Ueli Hiestand auf dem Berg und Jörg Bürgi – wegen Fischereirechten, welche eigentlich den Johannitern zustanden. Man einigte sich darauf, die Nachbarn dürften wie bis anhin im Bibetsee Hanfstängel wässern, Krebse und Fische fangen, doch nur mit ausdrücklicher Erlaubnis des Johanniterkomturs. Verboten war der Einsatz der Hechtangel und das Fischen mit lebender Speise. Das Fischereirecht wurde ausdrücklich den fünf genannten zugebilligt. Diese hatten dafür darüber zu wachen, dass keine Unbefugten Hechte, Brachsmen oder Krebse fingen.
Mit dem Verkauf der Johanniterherrschaft Wädenswil gingen die Fischenz im Hüttnersee im Jahre 1549 an Zürich über. Der Zürcher Landvogt zu Wädenswil verpachtete dieses Recht an Herrschaftsangehörige. 1554 beispielsweise fischten hier die Baumann aus Richterswil. Sie hatten der Landvogtei jährlich einen Geldbetrag abzuliefern.
Seit dem 17. Jahrhundert haben Maler und Literaten dem Bibet- oder Hüttnersee immer wieder Beachtung geschenkt. Die älteste zeichnerische Darstellung stammt vom Niederländer Jan Hackaert, aus dem Jahre 1655. Das Original befindet sich heute in der Kunstsammlung Weimar.
Älteste Ansicht des Hüttnersees, damals noch Bibetsee geheissen. Aus der Gegend der Bellenschanze mit schwarzer Kreide und Pinsel mit verdünnter Tusche gezeichnet vom Niederländer Jan Hackaert im Herbst 1655. Am jenseitigen Ufer die Gehöfte Blegi und Schafrain, im Hintergrund Hütten mit der Kapelle St. Jakob.
Johann Konrad Füssli notierte 1770 in seiner «Staats- und Erdbeschreibung der Schweizerischen Eidgenossenschaft», dass in der Nähe von Hütten ein kleiner See liege, dass «Hüttner- oder Weibetseeli» genannt. «In alten Urkunden heisst es Bibet- oder Bibentseeli. Es ist wegen guten Krebsen bekannt, die darin gefangen werden.» Und Johann Wolfgang Goethe hielt anlässlich seiner dritten Schweizerreise 1797 in seinem Tagebuch fest, dass der Hüttnersee zwar nicht gross sei, dafür aber gute Fische und Krebse enthalte. Krebse gab es auch im Waschbächlein, welches das Wasser aus dem Langmoos dem Hüttnersee zuführt. Es war früher nicht wegen der Wäsche bekannt, die man darin spülte, sondern wegen der vielen Krebse, die man hier mit Leichtigkeit fangen konnte. Das Gewässer hiess früher darum auch Krebsbächlein. Heute trägt nur noch der Ausfluss aus dem Hüttnersee diesen Namen.
Hüttnersee im Winter 1985/86. Im Vordergrund das Gehöft Moos.
Die Entstehung des Hüttnersees
Der im Gehöft «Seeli» aufgewachsene Naturforscher Dr. h.c. Walter Höhn-Ochsner (1885-1981) hat sich seit früher Kindheit mit der Entstehung, der Flora und Fauna des Hüttnersees befasst. Seine Bohrungen und Beobachtungen, in den Neujahrsblättern der
Lesegesellschaft Wädenswil publiziert, haben zu folgenden Erkenntnissen geführt:
Vor etwa 15 000 Jahren, am Ende der letzten Eiszeit, schürfte eine Seitenzunge des Linthgletschers die Mulde des Hüttnersees aus und türmte den Moränenquerriegel Seerain auf, wodurch der Abfluss der Schmelzwasser gehemmt wurde. Der glaziale See war ursprünglich doppelt so gross wie heute; er umfasste auch das Gebiet der jetzigen Riedfläche im Südwesten, des Storchenweidlis. Kaum war der Endmoränenstausee gebildet, setzte der Verlandungsprozess ein. Der Wäschbach und der vom Segel herkommende Böschenbach lagerten im Hüttnersee Geschiebe, Sand und Ton ab, der allmählich in Seekreide überging. Später bildete sich am Ufer ein Schilf-Seggensumpf, auf dessen Torf sich nachher Wald ansiedelte. Beim Einsturz unterspülter Uferböschungen fielen ufernahe Bäume samt grösseren Torfmassen ins Wasser und versanken. Im Jahre 1915 zählte Walter Höhn auf dem Ufergürtel des väterlichen Heimwesens «Seeli» 184 vermoderte Fichtenstämme oder «Röhnen», wie die eingesessene Bevölkerung solche im Wasser und im Torf versunkene Baumstämme nannte. Die meisten Stämme wurden wegen Brennstoffknappheit während des Ersten Weltkrieges gehoben und verheizt. Menschliche Eingriffe begannen die Naturlandschaft am Hüttnersee ebenfalls zu verändern. Ein Netz von Bewässerungsgräben durchzieht das Seeried. Der künstlich erstellte Kanal der Lölismühle (Neumühle) reguliert den mit Pegel versehenen Abfluss, ein Teil des Nordufers wurde durch erratische Blöcke verbaut.
Moränenplateau um Hütten, nach Ender der letzten Eiszeit. Punktiert: heutige Seebecken, schraffiert: verlandete Seen. Zeichnung Walter Höhn.
Profil durch das westliche Becken des Hüttnersees und die benachbarten Moore. Zeichnung von Walter Höhn.
Der Hüttnersee einst und jetzt. Die dick gestichelte Linie stellt das durch Sondierbohrungen ermittelte Ufer nach dem Rückzug des Linthgletscherts dar.
Schutz- und Erholungsgebiet
1945 erliess der Regierungsrat des Kantons Zürich eine Verordnung zum Schutze des Hüttnersees. In einem gewissen Umkreis um den See darf nicht gebaut werden, das Betreten und Befahren der Schilf-, Binsen-, Seerosen- und Teichrosenbestände sind ebenso verboten wie das Betreten und Beseitigen des Schwingrases am Westende des Hüttnersees. Damit sind der See und das grosse Flachmoor Storchenweidli mit seiner seltenen Flora bewahrt vor Wochenendhäuschen, Zeltplätzen, Reklameschildern Grümpelablagerungen und Motorbootgeknatter. Der Zutriff zum Wasser ist nur im Areal der 1949 eröffneten, auf Gemeindegebiet von Richterswil gelegenen Badeanlage in der Nordostecke des Sees erlaubt. Im Winter ist die zugefrorene Wasserfläche ein willkommener Tummelplatz der Schlittschuhläufer. Einheimischen dient der Hüttnersee auch als Wetterzeichen. Laufen die Wellen vom Seerain gegen Pöschen, verkünden sie gutes Wetter. Wandern sie aber vom Storchenweidli zur Blegi, wird es Regen geben.
Naturschutzgebiet Storchenweidli.
Riedscheune am Südufer des Hüttnersees.
Der Hüttnersee, seit 1945 unter Schutz.
Die Sage vom Hüttnersee
Frau Katharina Höhn-Leuthold (1824-1905) erzählte ihrem Enkel Walter Höhn folgende Sage von der Entstehung des Hüttnersees.
«Es war vor vielen hundert Jahren. Da gab es noch keinen Hüttnersee. An seiner Stelle dehnte sich ein finsterer Tannenwald aus, durch den der alte Pilgerweg nach Einsiedeln führte. Mitten im Gehölz konnte man das Plätschern einer Quelle vernehmen, deren Wasser sich aus einem uralten Holztüchel ergoss. Das war der Pilgerbrunnen. Gerne erlabten sich hier die Wallfahrer im kühlen Schatten nach ihrer langen Wanderung bevor sie den letzten Anstieg gegen Schindellegi hinauf unter die Füsse nahmen.
Wäschbach im Storchenweidli.
Einst langte am Abend spät ein müder Pilger bei diesem Brunnen an. Er setzte sich neben dieser Quelle nieder um etwas auszuruhen. Kaum hatte er sich auf dem weichen Moospolster des Waldbodens niedergelassen, als plötzlich ein Greis mit langem, weissem Bart aus dem Waldesdunkel vor ihm auftauchte. Er trug auf seinem Rücken ein Bündel Riedbesen, die er aus den langen Halmen der Riedbesenstreu kunstvoll gezöpfelt und geknüpft hatte. Weil er seit Jahrzehnten alljährlich aus dem Hochtal von Einsiedeln mit seinen Besenbündeln ins Zürichgebiet herunterkam, war er dort jedermann unter dem Namen ’Beselimaa’ bekannt.
Hüttnersee im Sommer 1986. Im Vordergrund das Gehöft Schafrain.
Im Laufe des Gespräches, das die beiden anknüpften, erkundigte sich der Besenmann nach den Reiseplänen des Pilgers. Dieser erklärte ihm, dass er noch heute bis Maria-Einsiedeln weiterwandern werde, um am übernächsten Tage wieder auf demselben Wege zurückzukehren. Da lachte der Greis lauf auf und sprach: ‘Ja, du hast gut sagen! Wenn du übermorgen wieder auf diesem Weg zurückkehren willst, wirst du deinen Durst nicht mehr an diesem Brunnen stillen können. Frage aber nicht weiter, Gott sei mit dir, leb wohl.’ Dann verschwand der Greis. Nachdenklich setzte der Pilger seinen Weg fort.
Als der Wallfahrer am zweitfolgenden Tag wiederum auf demselben Wege zurückkehrte, da wartete eine grosse Überraschung seiner. An Stelle des Waldes, den er vorgestern noch durchschritten hatte, bereitete sich eine dunkle Seefläche vor ihm aus. Das Gehölz samt dem Pilgerbrunnen war in die Tiefe versunken. Nur rings am Ufer gewahrte man noch hie und da Wipfel und Äste halbertrunkener Tannen aus dem Wasser ragen.»