Vor 100 Jahren entstand das Wädenswiler Sekundarschulhaus
Quelle: «Allgemeiner Anzeiger vom Zürichsee», 27. Dezember 1968 von Peter Ziegler
Freihof, Schulhaus von 1854 bis 1868.
Die Mädchenabteilung war von 1862 bis 1868 im Grünenhof eingemietet.
Ein erstes Projekt scheitert
Am 8. Juni 1863 begann eine Kommission, der fünf Mitglieder des Gemeinderates und zwei Abgeordnete der Sekundarschulpflege angehörten, mit den Beratungen über den Bau eines Sekundarschulhauses. Als Bauplatz nahm man eine Matte südöstlich des Dorfschulhauses in Aussicht, das Areal, auf welchem IB89 das «neue» Eidmattschulhaus erstellt wurde. Die Gemeindeversammlung vom 17. Januar 1864 sanktionierte diesen Entscheid. Die Wiese gehörte aber nicht der Gemeinde, sondern dem Weinbauern
Julius Hauser ob der Kirche. Und er wollte sein Land weder verkaufen noch im Landabtausch überlassen. Mit Zustimmung der Gemeindeversammlung eröffnete man daher gegen Hauser das Expropriationsverfahren und führte es vor Bezirksgericht und Regierungsrat durch.
Zu Beginn des Jahres 1865 lag das Raumprogramm im Detail vor. Das dreigeschossige Gebäude sollte 85 Fuss lang und 52 Fuss breit werden(= zirka 25,5 x 15,5 m). Im Erdgeschoss waren zwei Zimmer für die Mädchenabteilung und ein Lokal für den Religionsunterricht vorgesehen, im ersten Stockwerk vier Zimmer für die Knabenschule. Der ganze zweite Stock sollte einen einzigen grossen Saal bilden, in welchem man Kinderlehre halten und Gemeindeversammlungen durchführen wollte.
Das Projekt fand bei den Stimmberechtigten keinen Anklang. In der Versammlung vom 8. Januar 1865 wurde die Vorlage verworfen. Man sprach sich für einen kleineren, billigeren Bau aus. Er sollte lediglich drei, aber für vierzig bis fünfzig Schüler berechnete Zimmer enthalten, dazu einen Raum für den Religionsunterricht.
Ein neues Projekt
Der Entscheid der Gemeindeversammlung vom 8. Januar 1865 verzögerte die Bauausführung um mehr als zwei Jahre. In mehreren Sitzungen suchte die Baukommission nach neuen Lösungen. Projekte für ein ganz kleines Schulhaus, das nur den augenblicklichen Bedürfnissen genügt hätte, fanden aber nur geringen Anklang. Auch die Bauplatzfrage wurde erneut zur Diskussion gestellt, und man prüfte verschiedene andere Standorte. Bereits war auch der Wunsch laut geworden, man solle im Wädenswiler Berg eine Parallelsekundarschule führen und dadurch die Schülerzahlen im Dorf senken.
Wer war überhaupt Schulort? Wer hatte die Pflicht, ein Schulgebäude zu bauen? Diese Frage legte man Ende 1866 dem Erziehungsrat vor. Er entschied, dass die politische Gemeinde Wädenswil Schulort sei und somit auch das Sekundarschulhaus erstellen müsse. Mit neuem Eifer nahm die Kommission die Beratungen wieder auf und förderte die Angelegenheit so weit, dass die Gemeindeversammlung am 3. März 1867 neuerdings zum Schulhausprojekt Stellung nehmen konnte.
Zuerst führte man eine Debatte über den Standort. Der Beschluss vom 17. Januar 1864, das neue Sekundarschulhaus solle in der Eidmatt erbaut werden, wurde rückgängig gemacht. Zwei andere Anträge standen sich gegenüber. Kantonsrat
Blattmann zum Grünenberg verfocht die Ansicht, man solle von Herrn Eschmann in der alten Kanzlei ein Stück Wiese oberhalb dem Freihof kaufen und das Schulhaus dort erstellen. (Es hätte sich um das Areal in der Ecke Florhofstrasse/Stegstrasse gehandelt, um jenes Grundstück, auf dem heute das Haus Florhofstrasse 7 steht). In der Schlussabstimmung siegte aber der Antrag von Kantonsrat Hauser zum Scharfegg. Hauser hatte vorgeschlagen, für 19‘000 Franken die Schwarzenbach‘sche Liegenschaft hinterhalb des
Gasthofes Sonne zu erwerben. «Auffallend war», schreibt ein Zeitgenosse, «dass nach dem erfolgten Entscheid über den Bauplatz sich zwei Drittel der Votanten entfernten, als ob sie die Verhandlungen über Umfang und innere Einrichtung des Schulgebäudes als blosse Nebensache betrachtet hätten.» Nachdem die Bauplatzfrage bereinigt war, wurde nämlich noch das Projekt durchberaten. Die Stimmbürger entschieden sich für ein 84 Schuh langes und 52 Schuh breites, dreistöckiges Schulhaus, dessen Kosten auf 70‘000 bis 75‘000 Franken veranschlagt wurden.
Der Schulhausbau von 1867/68
Mit 249 gegen 133 Stimmen hatten die Stimmberechtigten den Erwerb der Liegenschaft Schwarzenbach beschlossen. Wenig später kaufte die Gemeinde den Besitz; die 19‘000 Franken wurden in der Kanzlei bar bezahlt. Beim erworbenen Gut handelte es sich um ein älteres Wohnhaus mit Waschhaus, Scheune und Trotte und 10‘000 Quadratfuss Umgelände. Es war damals auch noch bekannt unter dem Namen «Blattmannsche Liegenschaft auf dem Platz». Während mehreren Generationen war nämlich das Grundeigentum Besitz der Familie Blattmann gewesen. Der Flurname «auf dem Platz» aber, wies auf noch frühere Verhältnisse hin: Bis 1821 stand im Gebiet des späteren alkoholfreien Restaurants Sonne das Wädenswiler Gemeindehaus, und der Platz bei diesem öffentlichen Gebäude hiess eben der Gemeidehausplatz oder kurz Platz. In diesem historischen Gebiet also entstand nun der neue Schulbau.
Das 1821 abgebrochene Gemeinde- und Gesellenhaus gab dem Areal den Namen «Platz».
Am 30. Mai schrieb die Gemeinde den Neubau zu freier Konkurrenz aus, und am 27. Juni übertrug sie die Ausführung den vier Wädenswiler Baumeistern Bachmann, Isler, Lattmann und Frick für die Summe von 77‘000 Franken. Die alten Gebäude wurden niedergerissen, und dann wuchs das stattliche Schulhaus aus dem Boden.
Im Innern des Gebäudes wurden noch da und dort Projektänderungen verwirklicht. So richtete man im Parterre Räumlichkeiten für die Gemeinderatskanzlei ein. Dadurch stiegen die reinen Baukosten schliesslich auf 85‘700 Franken gegenüber höchstens 75‘000 Franken wie 1867 veranschlagt worden war. Der Termin für die Vollendung des Baues konnte auch nicht genau eingehalten werden. Dies brachte namentlich die Mädchensekundarschule in Schwierigkeiten. Die Sekundarschulpflege hatte nämlich damit gerechnet, dass das neue Schulhaus bei der «Sonne» im Mai 1868 bezugsbereit sei und auf diesen Termin das Lokal der Mädchensekundarschule im «Grünenhof» gekündigt. Ein weiteres Verbleiben an diesem Ort war unmöglich, und so musste die Töchterschule im Saal des Schützenhauses auf der Fuhr Unterkunft beziehen, bis das neue Schulhaus vollendet war. Dies war nach den Sommerferien der Fall.
Im Schützenhaus war noch 1868 die Mädchensekundarschule untergebracht.
Die Einweihung vom 17. August 1868
Am Montag, den 17. August 1868 wurde das Gebäude bezogen. Da ein Jahr zuvor die hundertjährige Kirchweih gefeiert worden war, verzichtete man jetzt auf eine grössere Einweihungsfeier. Gemeinderat, Schulpflege, Lehrer, Schülerinnen und Schüler versammelten sich morgens acht Uhr zu einer Feier im neuen Haus, das vom Frauenverein festlich bekränzt worden war. Am Nachmittag begab man sich gemeinsam auf die Halbinsel Au. Hier konnten sich die Schüler beim Spiel vergnügen, und vor dem Rückmarsch servierte man ihnen ein einfaches Abendessen.
Einweihung des Sekundarschulhauses, 1868.
Das Sekundarschulhaus war ein wohlproportionierter, schön geratener Bau, von dessen Dachzinne aus man eine weite Rundsicht geniessen konnte. Und doch waren nicht alle begeistert vom neuen Werk. Es gab verschiedene Unzufriedene. Da waren einmal die Einwohner, welche sich um die grosse öffentliche Einweihungsfeier geprellt sahen. Man wusste sie jedoch im «Anzeiger» vom 18. August 1868 auf später zu vertrösten: «Wir glauben, es beruhe diese Unzufriedenheit auf einem Missverständnis. Es kann sich nämlich zur Stunde noch gar nicht um eine Einweihung des Schulhauses handeln, da dasselbe den Baumeistern noch gar nicht abgenommen, überhaupt noch gar nicht an die Gemeinde übergeben ist. Daher ist der feierliche Akt, mit welchem gestern der wieder beginnende Schulkurs eröffnet wurde, durchaus nicht als Einweihung des Gebäudes zu betrachten; eine eigentliche Einweihung wird durch denselben weder präjudiziert noch verhindert.» Immerhin kam keine öffentliche Einweihungsfeier mehr zustande!
Unzufrieden waren auch einzelne Lehrer. So schrieb Johann Heinrich Kägi im Jahre 1867 – also noch während des Bauens – in seiner Gemeindegeschichte: «Dass der Platz, auf dem das Gebäude steht, nicht gut gewählt ist, sehen wohl auch diejenigen nach und nach ein, die fast leidenschaftlich um dessen Ankauf sich bemühten.» Rund zwanzig Jahre später urteilte aber ein anderer Sekundarlehrer, Johann Jakob Isler, zustimmender: «Der geräumige und wohlgelungene Bau steht zwar mitten im Dorf, erhält aber durch seine erhöhte Lage genügende Unabhängigkeit gegen die umliegenden Gebäude, und man hat gegenwärtig die allgemeine Ansicht, derselbe stehe am rechten Platz. Diejenigen, welche ihm seinerzeit wohlmeinend auf der grossen Kanzleiwiese eine isolierte Lage anweisen wollten, dürften sich nun im Hinblick auf die Bauten, welche dort errichtet worden sind – gemeint waren die Fabrikanlagen der
Seidenindustriellen August und Emil Gessner – ersterer Ansicht ebenfalls anschliessen.»
Im Vordergrund links das Schulhaus kurz nach der Einweihung 1868.
Bauliche Veränderungen zwischen 1868 und 1954
Über Umbauten, Renovationen und Neuerungen im Sekundarschu1haus orientiert folgende Zusammenstellung:
1869 Erwerb neuer Schulbänke nach System Farner, Einrichtung eines Zeichensaales mit Stehtischen. Das Sammlungszimmer wird mit den ersten Glasschränken ausgestattet, was manchen Steuerzahlern als übertriebener Luxus vorkommt. Maler Schmidt schmückt die Wände des Singsaales.
1871 Sämtliche Klassen der Primarschule ziehen ins Sekundarschulhaus um, weil im Eidmattschulhaus 500 Bourbaki-Soldaten interniert werden.
1879/80 Die Luftheizung versagt ihren Dienst. Im Sinne eines Provisoriums stellt man in allen Klassenzimmern Eisenöfen auf. Sie bleiben elf Jahre in Betrieb.
1891 Die Luftheizung wird durch eine Niederdruck-Dampfheizung ersetzt.
1895 Elektrische Beleuchtung mit Kohlenfadenlampen verdrängt auch im Sekundarschulhaus das Gaslicht.
1906 Die Gemeinderatskanzlei disloziert ins Haus zum
«Freihof». Damit stehen der Sekundarschule im Parterre des Schulhauses weitere Räume zur Verfügung.
1907 Die Gemeinde erwirbt den Sonnengarten und richtet ihn als Spielplatz für die erste Klasse her.
1907/09 Im Zusammenhang mit der Korrektion der Schönenbergstrasse wird unterhalb des Gasthauses zur Sonne eine Treppe erstellt als Aufgang auf den Pausenplatz.
1910 Erweiterung des Schulhauses. Der bisherige Zeichensaal im obersten Geschoss wird in zwei Schulzimmer unterteilt. Dafür wird in den Dachraum ein neuer, hoher und heller Zeichensaal eingebaut; gleichzeitig entfernt man die Dachzinne.
1918 Neue Bestuhlung und neue Einrichtungen im Physikzimmer.
1925 Reparatur des Schulhauses: neue Heizung, bessere Beleuchtung, Einbau eines Lehrerzimmers im mittleren Gang.
1930er Jahre: Man diskutiert – auch im Sinne von Arbeitsbeschaffung während der Krisenzeit – die Frage eines Neubaus des Sekundarschulhauses. Es kommt aber nicht zur Bauausführung. Während des Zweiten Weltkrieges wird das Projekt aufgeschoben.
1940 Grössere Renovationsarbeiten.
1948 Aussenrenovation.
1953/54 Nach den Plänen von Architekt Karl Flatz entsteht auf dem Platze des ehemaligen Schützenhauses auf der Fuhr eine neue Sekundarschulhaus-Anlage.
Sekundarschulhaus Fuhr, eingeweiht 1954.
Das Sekundarschulhaus wird Gewerbeschulhaus (1954)
Mit Schulanfang 1954 wurde das neue
Sekundarschulhaus an der Fuhrstrasse bezogen. Der Altbau bei der Kirche stand nun der Gewerbeschule zur Verfügung. welche seit 1934 das
Haus zur Sust bewohnt und hier gegen ständig anwachsenden Verkehrslärm anzukämpfen gehabt hatte. Im Winter 1954/55 wurde das Kellergeschoss des alten Sekundarschulhauses für die Bedürfnisse der Gewerbeschule umgestaltet. Es erfolgte der Einbau von Werkstätten für Bauschlosser, Sanitätsinstallateure, für Bau- und Industrie-Spengler. Von nun an konnten im Gewerbeschulhaus Kurse durchgeführt werden, und bei den Lehrabschlussprüfungen war es möglich, grössere Gruppen unter gleichen Bedingungen zu prüfen.
1963 folgte eine grössere Innenrenovation des Schulgebäudes. Der Aborttrakt wurde den modernen Verhältnissen angepasst und mit einer neuen Lüftungsanlage versehen. Im Treppenhaus setzte man neue Stufen, und etappenweise wurden auch die Klassenzimmer renoviert.
Nach der geglückten Innenrenovation darf sich das Gewerbeschulhaus sehen lassen. Obwohl es diesen Sommer hundert Jahre alt geworden ist, vermag das Gebäude seinen Zweck noch vorzüglich zu erfüllen. Dies ist nicht zuletzt jenen Männern zu verdanken, welche vor hundert Jahren überaus fortschrittlich und grosszügig geplant und gebaut haben.