EINER WUNDERBAREN VIELFALT VON MENSCHEN BEGEGNEN
Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2003 von Martin Kopp
Pfarrer Martin Kopp, Seelsorger in Wädenswil von 1984 bis 2003.
- Die Sorge um die Jugendlichen war Tag für Tag lebendig: Wenn im Pfarrhaus zwei, drei mit uns wohnten, ihre Sorgen an den gemeinsamen Tisch brachten. Die Sorge um die Menschen am Rand brachte uns einander nahe, die Sorge um jene, die mit vielen Stolpersteinen und mit Entbehrungen durchs Leben müssen. - Menschen kamen durchaus zur Kirche mit ihrer Sorge und in der Not; und ich versuchte, so wie andere Seelsorger es ebenso taten, zu ihnen hinzugehen.
HEIMAT SCHAFFEN
Und doch: War denn in all den Jahren die Kirche «im Dorf»? Als ich damals von Zürich nach Wädenswil kam, hatte ich den Eindruck: eigentlich nicht! In der Stadt bilden oft die Kirchen so etwas wie den Mittel- und Treffpunkt eines Quartiers. Diese Erfahrung brachte ich mit. Und nun erlebte ich in Wädenswil bald, wie die Menschen hier scheinbar unzählige Treffpunkte hatten. Vereine gab es ebenso in Fülle, und die Kirche schien neben dem Geschehen zu liegen. Waren die Menschen dort nicht zuhause? Im Pfarreirat kamen wir damals zum Schluss, ein gutes, damals erstes Jahresthema für die Pfarrei wäre «Heimat schaffen», das heisst, den Menschen zu sagen, besonders den vielen, die noch nicht lange in Wädenswil wohnten: Hier ist ein Zuhause, ein Ort, wo Menschen sich treffen, einander gut wollen, von einander wirklich Notiz nehmen. Menschen sollten selber wie eine Einladung wirken, und an denen fehlte es nicht, nie in diesen vielen Jahren.
EIN PFARRHAUS MIT OFFENER TÜR
Daher mein Anliegen: Unser Pfarrhaus sollte eine offene Tür haben. Hier soll jede und jeder wissen: Ich kann kommen, anklopfen und wissen, ich finde hier ein offenes Ohr. Darum auch richteten wir einen Abenddienst ein, wahrgenommen durch Freiwillige, die unsere Tür öffneten, Wünsche entgegennahmen, auch Telefonate in grosser Zahl. Wer im Pfarrhaus war, konnte bis tief in die Nacht hinein angesprochen werden. Vor allem Jugendliche benützten solche Nachtsprechstunden, um mit ihren Problemen angehört zu werden. Wie die Tür, so der Tisch: Oft und oft war er einfach voll von Menschen, die dazugekommen waren. «Aggiungi un posto a tavola» hiess vor langer Zeit ein italienischer Film: Mach noch Platz am Tisch! Das sollte als Motto gelten. - Und unsere Haushälterinnen machten mit! Um den Menschen so zu Diensten sein zu können, müssen Kontakte geknüpft werden, ein ganzes Netz. Überall, wo Menschen sind. Ich litt oft darunter, dass ich nicht mehr unter die Menschen konnte. Gespräche auf der Strasse hätten gut getan, Sprechstunden im Vorhof der Migros! Möglich wurden solche Kontakte von selbst auf dem Schulhausplatz und selbstverständlich bei manchem Hausbesuch, was immer der Anlass sein mochte. Wer in Not war, sollte kommen können, um hier die offene Tür, das offene Ohr, wenn immer möglich das offene Herz – und damit auch eine offene Hand zu finden. Das war mir Anliegen. Hatte nicht die latein-amerikanische Kirche vor Jahren eine «Option für die Armen» getroffen - und seither ein anderes Gesicht gewonnen? So wollte ich meine Arbeit in der Pfarrei zumindest auch verstanden wissen. Und gerne wollte ich, dass auch die Pfarrei sich so verstehen konnte.
Damals, am Tag meiner Wahl zum Pfarrer, im Dezember 1984, sagte ich den Wählerinnen und Wählern: Sie kennen mich vermutlich nicht, mein Gesicht mag ihnen gefallen oder nicht, darum scheint es mir umso wichtiger, dass sie die Katze nicht im Sack kaufen. Wenn mich diese Versammlung wählt, dann wählt sie auch die - damals brandneue Firmung ab 17/18, dann sagt sie auch ja zu einer pfarreilichen Stelle für die Koordination unseres sozialen Einsatzes, dann spricht sie sich dafür aus, dass deutlich mehr für die Jugendlichen eingesetzt werden soll, vorweg an Räumen. - Einige gab es wohl, denen kam dieser Auftritt ziemlich frech vor. Immerhin, es kam zu keiner Gegenstimme. Wie hätte ich nicht wissen sollen, dass man es bestimmt nicht allen recht machen kann? Kann man garantiert nicht, ohne den Weg der Untätigkeit einzuschlagen. Ich wollte, gleich zu Beginn - plakativ gesagt - diese Option für die Armen und die Option für die Jugend klar machen.
Taufe in der Osternacht 1997.
WAS SIND DAS FÜR MENSCHEN HIER?
Ich erinnere mich noch ein paar Monate weiter zurück: In Zürich hatte mir der Generalvikar gesagt, da ich nun Pfarrer werden sollte, wäre Wädenswil eine gute Wahl, ich möge hingehen und mich umsehen. Ich ging und wollte mit Pfarrer Hans Baumann dort unter vier Augen reden. In die Kirche trat ich zunächst nicht ein. Denn ich wollte nicht wegen einer mehr oder weniger schönen Kirche oder einer sonst wie netten Situation wegen kommen, sondern allein wegen der Menschen - die ich doch nicht kannte. Darum meine Frage an Hans Baumann: Was sind das für Menschen hier? Er sprach von vielen jungen Familien, von Jugendlichen, von einer bunten Mischung. Und so hatte Wädenswil schon ein Stück meines Herzens gewonnen - ich hatte entschieden. - Menschen hatten mich all die Jahre interessiert, viel weniger Gebäude, so notwendig diese waren, und schon gar nicht diese oder jene komfortable Situation für die Kirche oder für mich selber. Menschen sollten Brücken bauen zu dem, was Kirche ist, zu einer hoffentlich lebendigen Gemeinschaft. Dazu wollte ich meinen Beitrag geben.
IN DER KIRCHE GIBT ES KEINE FREMDEN
Derjenige, der sich nicht schon seit jeher zugehörig wusste, sollte spüren: Hier habe ich meinen Platz. Menschen, die nicht ohne weiteres unsere Sprache redeten, sollten hier trotzdem ein Stück Heimat finden. So war es mir eine Freude, dass ausser der «comunita italiana» sich mit der Zeit ein starker «grupo latino» bildete, Menschen aus Lateinamerika wussten sich unter uns zuhause. In der Kirche gibt es keine Fremden, ein Leitsatz. Wenn es sie doch gäbe, hätte sich die Kirche selber negiert. Wir sind einander nahe gekommen, ich sagte es: Unter den Kirchen und Konfessionen nochmals besonders. Eine Erinnerung: Kaum hatte ich an meinem allerersten Wädenswiler Morgen am Frühstückstisch Platz genommen, kommt Pfarrer Andres Boiler herein, um mich zu begrüssen. So sollte ich ihn spontan als lieben reformierten Kollegen kennen lernen, als ersten von vielen seither. Kurz und bündig meinte er nach dieser ersten Begegnung: Mit dir kann es nicht daneben gehen, denn erstens kommst du (ebenfalls) von Zürich, zweitens bist du Alpinist, und drittens auch ein alter Pfader. Merkmale, bei denen wir uns leicht fanden. Wie wahr, dass für alle Gemeinsamkeit unter den Kirchen zunächst der «menschliche Boden» stimmen muss! Schon in den ersten Monaten kamen wir überein, wir wollten einen eigentlichen ökumenischen Pfarrkonvent bilden. Jedesmal sollte auch die Tischgemeinschaft dazugehören. Ich meine, solche Herzlichkeit übertrug sich auf die Gemeinden. Und wie gut, dass es später zu einer Weitung des Blicks kam: Die kleineren christlichen Kirchen und Gemeinschaften am Ort sollten mit uns überlegen, beten und feiern. Die Arbeitsgemeinschaft der christlichen Kirchen von Wädenswil entstand. Wie viel uns doch gemeinsam ist, wurde zur Erfahrung, bei allem, was die einzelne Kirche an Eigenem behalten und pflegen soll. Eine Erfahrung, die mich reich gemacht hat, und die ich mit mir tragen werde, wohin mich auch die Wege führen werden.
Erstkommunion, April 1998.
ENGAGEMENT IM «SCHÄRME»
Ich kann es nicht unterlassen, zum so und so vielten Mal daran zu erinnern: Im Tun hat sich diese Gemeinsamkeit im Glauben bewahrheitet: Damals zweifellos, als der Platzspitz in Zürich im kältesten Winter durch Geheiss der Regierung geräumt wurde und zugleich die grossen Gemeinden rund um Zürich aufgefordert wurden, Platz bereitzustellen für die Junkies, Drogenkranken aus jedem Ort. Natürlich meldeten sich diese nicht zuhause. Dafür kamen andere, von überallher. - Der Wädenswiler Stadtrat bat die Kirchen um Hilfe. Freiwillige fanden sich. Mitten im Advent bat ich sie auf die Kanzel, um andere einzuladen, mitzutun. Hundertdreissig wurden es in wenigen Tagen, die bereit waren, einen Dienst an diesen Kranken zu leisten. Ein «ökumenisches» Ereignis, das wirkte, wie sonst in diesen Jahren kaum etwas. Unsere Wege kreuzten sich dort im «Schärme». Wir legten miteinander Hand an, über Jahre: am Abend, wenn die Unglücklichen unsere Herberge aufsuchten (all jene Szenen aufzuzeichnen, würde ein Buch füllen), beim Ablösen vor der Nachtwache, am Morgen, wenn geweckt werden musste - und aufgeräumt. Etwas Menschlichkeit wollten wir diese Jahre über schenken, vor allem Streit, was denn angesichts des Drogenelends der richtige Weg sei. Die Tatsache, dass Menschen ohne Vorurteil ihnen Gutes tun wollten, hat trotz all des Wenn und Aber in diesen Kranken etwas bewegt. Vielleicht haben wir einfach das Mögliche getan. Auf mancher Nachtwache wurde für mich alles hautnah - und prägend. Nicht doch meine nachhaltigste Erfahrung in Wädenswil?
JUGENDARBEIT
Ein Einsatz, der ebenso prägte, und der, so hoffe ich, auch ein paar Spuren in Wädenswil hinterlassen darf: die Jugendarbeit. Schnelllebig ist diese Arbeit; Generationen folgen sich schnell. Es scheint einem, alles sei immer von neuem zu beginnen. Doch mit der Zeit gibt es Humus. - Ich versuchte, junge Menschen ernst zu nehmen, so, wie sie kamen und sich gaben. Mir fiel nie schwer, sie gern zu bekommen. Vielleicht tat genau das seine Wirkung. Noch etwas: Viele Erwachsene haben Angst vor Jugendlieben. Warum eigentlich? Ich konnte mich nicht erinnern, je Angst gehabt zu haben. - Einige Male freilich machten Jugendliebe ganz «zu», liessen niemanden an sich heran, weil sie zu sehr verletzt schienen. Oft wollten sie aber einen Rat, auch einfach ein aufmunterndes Wort, das sagen wollte: Du kannst es; ich glaube an dich. Versuch es wenigstens! Nicht selten aber kamen sie und sagten: Es geht zuhause einfach nicht mehr. Und mehr als einmal kamen sie wirklich von der Strasse, ausgesetzt, könnte man sagen. Fast immer gab es Fürsprecher unter den Kollegen, die diese «Obdachlosen» zu mir brachten und mich baten, sie doch aufzunehmen. Und dann sassen sie mit uns am Tisch, wie wenn sie immer schon da gewesen wären, bekamen ein Bett und sonst das Nötigste. Zur Schule gingen sie und in die Lehre. Viel Ermunterung war nötig - und nicht selten Strenge. - Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen von diesen Jugendlichen, oder von den andern, die kamen, gefragt zu haben, welcher Konfession oder Religion er sei, was er glaube oder allenfalls nicht. Irgendwann kam das schon zur Sprache und ergab umso bessere Diskussionen. - Wollten wir nicht schlicht Menschen aufnehmen, mit einem unverwechselbaren Gesicht? Wenn man annehmen will, dass Gott sie uns geschickt habe, dann muss ihre Religion offenbar nicht die Hauptsache sein. Und so kam es, dass fast alle Religionen oder Konfessionen irgendwann unter unserem Dach gegenwärtig waren. Die Zugehörigkeit von Muslimen zu unserer Wohn- und Tischgemeinschaft hatte freilich Konsequenzen für den Speisezettel.
Pfarrer Martin Kopp zündet die Osterkerze an. Aufnahme von 1998.
Aufmerksame Zuhörer an der Jungbürgerfeier 1997.
UNVERGESSLICHE LAGER UND REISEN
Unvergesslich für alle Kinder, für die jugendlichen Leiterinnen und Leiter: die Lagerzeiten! Jedes Jahr gab es deren drei. Fast selbstverständlich durfte ich mit. Auch für mich kostbar, unvergesslich! In immer neue, mit der Zeit kaum mehr zählbare Rollen hatte ich zu schlüpfen, maskiert oder nicht, um die Fantasie der Kinder zu beflügeln und Spiele in Gang zu halten. Überzeugt bin ich, dass Lagererfahrungen im guten Sinn so viel von dem erübrigen würden, was unser Gemeinwesen an Notmassnahmen treffen muss. Wie viele positive Kräfte sie bei den verantwortlichen Jugendlichen wecken, habe ich über viele Jahre erfahren. Das Leben dieser jungen Menschen wird davon ungemein geprägt. Wertvollstes nehmen sie mit -und werden es später neu für andere einsetzen. - Von Reisen wäre ebenso zu sprechen, mit Jugendlichen, einmal bis Kiew, meist aber nach Rom und Assisi, Orte, die so sehr zu unseren Jugendlichen gesprochen haben, und wo Gemeinschaft dicht lebte.
Abschied von einem beliebten Pfarrer.
Eine Vielzahl von Sprachen lässt am Portal den grossen Schweizer sprechen. Möge das ein gutes Vorzeichen sein für das Zusammenleben unter der Vielfalt der Menschen, denen ich in Wädenswil begegnen durfte.