Bedrohtes Erbe der Eiszeit

Riede und Moore in der Wädenswiler Bergregion

Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2019 von Ingrid Eva Liedtke

Moore sind farbenfrohe Landschaftsstreifen, die sich artenreich und tongewaltig von ihren Nachbarn abheben, den Fettwiesen. Grillen und «Heugümper» zirpen an Sommertagen ohrenbetäubend, es wimmelt von Insekten, Bienen summen, Mückenschwärme sirren über den feuchten Niederungen und aller Art Schmetterlinge finden hier ein kleines Paradies und flattern zwischen seltenen Gräsern und Blumenständen hindurch. Währenddessen herrscht im Kulturland Stille, nur ein paar Kühe dürfen noch Glocken tragen. In der Bergregion rund um Schönenberg und Hütten liegen noch ein paar Moorreste, Überreste vergangener intakter Moorlandschaften, und einige Flachmoore beziehungsweise Riede. Ist das eine Welt, die dem Untergang geweiht ist?
Sicher sind solche Idyllen selten geworden – oft sogar nur noch in Gedanken abrufbar. Hier wie da sind sie bedroht. Das ist bedauerlich, weil Moore faszinierende Landschaften sind mit mystischer Aura und einem wunderschönen Pflanzen- und Tierreichtum, der so sonst nicht mehr zu finden ist. Sie sind ein wertvoller Lebensraum für seltene und vom Aussterben bedrohte Arten.

Artenvielfalt in Flora und Fauna

Ein Viertel aller betroffenen Tierarten in der Schweiz ist für das Überleben auf intakte Moorlandschaften angewiesen. Die Hälfte der vom Aussterben bedrohten Pflanzen gedeihen in solchen Feuchtgebieten. In gut erhaltenen Schutzgebieten findet man je nach Standort noch vielerlei Riedpflanzen. Dazu gehören die orchideenartigen wie das Breitblättrige Knabenkraut, der Grosse Händelwurz, der Schwalbenwurz-Enzian, das Sumpfherzblatt, das Breitblättrige Wollgras oder Weideriche und Baldrian. Weitere seltene Feuchtwiesenarten sind Teufelsabbiss, Pfeifengras, Weisser Germer und Heilziest.
Diverse Heuschreckenarten, die teilweise selten geworden sind, leben hier. Die Glänzende Smaragdlibelle ist im Mühleweiher wegen Verlandung gefährdet. Der Laubfrosch konnte im Hinterbergried nach der Aufgabe der Amphibiensperre durch den Kanton nicht mehr gesichtet werden. Es kam zu einem allgemeinen Rückgang der Amphibien durch das Verlanden des Teiches.
Artenreich und Heimat vieler Insekten und Schmetterlinge: Das Sagenhölziliried.

Die Erweiterung der Moorflächen mit der Bildung von Torfmoos erhöht die Chancen für das Überleben von heute vorkommenden Arten wie Silberscheckenfalter, Moosbeere oder Warzenbeisser. Auch gesamtschweizerisch sehr seltene Arten wie der kleine Moorbläuling, die Rosmarinheide oder der Moorbärlapp werden mit der Erweiterung der Moorbiotope gefördert. Moore spielen auch für das Klima eine bedeutende Rolle. Die da vorkommenden Pflanzen nehmen schädliches Kohlendioxid (CO2) aus der Luft auf und wandeln es in Kohlenstoff um. Sterben sie ab, bleibt der Kohlenstoff im Boden gespeichert. Wegen des radikalen Rückgangs dieser wunderschönen Urlandschaften – 90 Prozent seit dem Ende des 19. Jahrhunderts – bedürfen die Moore unseres Schutzes.

Das Moor – früher oft ein Ort des Fürchtens

Wenn leiser Nebel über den sumpfig feuchten Auen liegt, und er sich verdichtet, je näher die dunkle Jahreszeit rückt, wenn die Pfade plötzlich ins graue Nichts führen und fremdartige Geräusche die Wattewand durchdringen, wenn jeder Schritt ins vermeintliche Verderben führen kann und der Grund unter den Füssen wegzuschwimmen droht, dann weitet sich die menschliche Fantasie und raunt uns die schauerlichsten Geschichten zu. Von Mooren geht seit jeher eine mystische Faszination aus. Bis heute, sind sie nicht nur ein Lebensraum für seltene Tiere und Pflanzen, sondern auch Brutstätte für diverse Mythen und Sagen. Früher, als Aberglaube und religiöse Verirrungen noch so vielen den Kopf vernebelten, war das Moor ein Ort, der einem das Fürchten lehrte. Das ist nicht weiter verwunderlich, weil so mancher im Moor auf nimmer Wiedersehen verschwand. Einige tauchten Jahrhunderte später als Mumien wieder auf.
Als im Zweiten Weltkrieg die Moore wegen Kohleengpässen durch Torfstecherei aufgerissen wurden, machte man manch schrecklichen Fund, darunter sogar Jahrhunderte alte Moorleichen, die durch die Chemie des Moores so gut konserviert waren, als seien sie erst am Vortag gestorben. Der Luftabschluss und die Säure im Moor bewahren Körper oft erstaunlich gut und lange. Nicht alle Leichen, die das Moor freigibt, sehen friedlich aus und starben bei einem Unfall. Da sind auch Spuren von Gewalt zu finden – ob erstochen, erschlagen, erwürgt, enthauptet. Oder vielleicht auch als Opfer eines Rituals, um Ahnen, Geister und Götter zu beschwichtigen. Das Moor ist der Ort für die dunklen Geheimnisse. Darum ist kein Ort so geeignet, um schaurige Geschichten anzusiedeln.
Viele der Sagen und Legenden lehren uns das Gruseln. Sie berichten von Schrecklichem, das sich an diesen Gott verlassenen Orten abgespielt hat. Und auch für Krimis ist ein Moor ein wirklich stimmungsvoller Tatort. Das Irrlicht war ein weiteres dieser gruseligen Phänomene. Die Seelen von Mördern, Betrügern, von ungetauften Kindern und ruhelos tanzenden, sündigen Nonnen sollen als Widergänger im Irrlicht umherwandeln. Die Lichter, die wie der «schwebende Teufel» über das Moor fegten oder hüpften, führten die Moorwanderer in der dunklen Jahreszeit oder in der Abenddämmerung in die Irre. Irrlichtern zu folgen oder sie gar einfangen zu wollen, brachte gemäss dem Volksglauben Unglück. Wissenschaftliche Überlegungen fanden eine plausible Erklärung: Sumpf- und Faulgase (Methan) steigen aus dem Moor auf und entzünden sich.
Wenn es den Geochemikern gelingt, die Sprache der Moore zu entschlüsseln, können sie dem Torf historisch interessante Inhalte entlocken. Dort sind Spuren des Geschehens über der Erdoberfläche nicht nur gespeichert, sondern in Schichten ordentlich archiviert. So können Forscher mit modernen Datierungs- und Analysetechniken jahrtausendalte Geschichte rekonstruieren.
Irgendwann lichten sich immer die Nebel und der trügerische Ort lässt wieder seine Farben in der Sonne erstrahlen und die abertausend Stimmen von Insekten und Reptilien geben ihr nächstes Sommerkonzert.

Wie Moore entstanden sind

Hochmoore werden nicht wegen ihrer Lage in höheren Regionen so genannt, sondern wegen ihrer Form. Zu ihrer Mitte hin wölben sie sich wie eine Linse. Das liegt an ihrer Entstehung. Hochmoore sind meistens verlandete Seen, die nach der Eiszeit in Gletschermulden entstanden sind. Sie sind vom Ufer her zugewachsen und zwar durch Torfmoose. Diese sind langlebige und raffinierte Pflänzchen, die einen steten Drang in die Höhe haben. Dadurch erzeugen sie die Linsenform. Die Torfmoose gestalten ihre Umwelt auch in chemischer Hinsicht, denn sie bilden aktive Säure. Ihre unten absterbenden Teile werden daher im Wasser nicht zersetzt. Was oben nachwächst, kann Regenwasser in grossen Mengen speichern – wie ein Schwamm. Die Torfmoose gedeihen also auch noch prächtig, wenn es im Untergrund so sauer wie in einer Zitrone ist. Was Moos und andere Pflanzen ablagern, bildet irgendwann Torf: Ein Millimeter pro Jahr. Im Laufe der Jahrtausende entstanden im Kanton Zürich so Hochmoore mit einem 5 bis 6 Meter dicken Torflager. Davon ist nicht mehr viel übrig, da man bis nach dem Zweiten Weltkrieg Torf als Brennstoff abgebaut hat. Dafür musste man die Moore entwässern und hat so unter anderem zu ihrem Niedergang beigetragen. Moore sind Feuchtgebiete mit eigener, eigentümlicher Vegetation. Durch ständigen Wasserüberschuss aus Niederschlägen oder durch austretendes Mineralbodenwasser wird der Boden sauerstoffarm gehalten, was den vollständigen Abbau der pflanzlichen Reste nach sich zieht. Diese werden stattdessen als Torf abgelagert. Im Unterschied zu Sümpfen, die gelegentlich austrocknen, weshalb ihre organische Substanz vollständig zu Humus abgebaut wird, wachsen lebende Moore durch Torfanhäufung in die Höhe. Hochmoore sind in vielen Regionen selten geworden. Man findet sie aber an und für sich in der ganzen Schweiz und auf verschiedenen Höhenstufen. Der spärliche und äusserst langsame Pflanzenwuchs in Hochmooren sorgt für sonnendurchflutete Verhältnisse und macht diesen Lebensraum vor allem für Reptilien attraktiv. Auch für bedrohte Tiere wie etwa den Hochmoor-Gelbling, einen seltenen Schmetterling, bieten Hochmoore eine mittlerweile rare Lebensgrundlage.
Flachmoore entstanden anders. Nach dem Ende der letzten Eiszeit besiedelten feuchtigkeitsliebende Pflanzen die weitgehend offenen und nassen Böden. Unter den feuchten Voraussetzungen entstanden offene Flachmoore. Sie bilden sich auch durch Waldrodungen oder Verlandungen von Seen oder Teichen. Flachmoore werden durch Oberflächenwasser nass gehalten. So gelangen auch die raren Nährstoffe ins Moor. Die ursprünglich oft für Stallstreue genutzten Flachmoorflächen wurden in den letzten 100 Jahren gezielt entwässert und daher immer seltener. Die Modernisierung der Landwirtschaft und der hohe Pflegeaufwand sorgten für einen grossen Rückgang der Flachmoore.

Gefährdung durch Entwässerung

Die Gefährdung von Mooren geht in erster Linie von Entwässerungen aus. Fast jede Nutzung von Mooren – sowohl land- oder forstwirtschaftliche, gartenbauliche als auch die Torfgewinnung – geht mit einer entsprechenden Wasserregulierung einher. Jede Form der Entwässerung hat dabei Einfluss auf die Funktionen und die Artenzusammensetzungen der Moore. Die Entwässerungen geschehen direkt durch die Anlage von Gräben, Drainagen und Vorflutgräben und die Fassung von Quellen oder indirekt über Flussregulierungen, Entnahme von Trinkwasser und die damit verbundene Grundwasserabsenkung in der Landschaft. Die Auswirkungen der Entwässerungen sind komplex und machen sich teilweise erst nach vielen Jahren in ihrem gesamten Ausmass bemerkbar.
Neben der physikalischen und chemischen Schädigung des Moores führt die Entwässerung zu einer Reduzierung der Kühlung in der Landschaft. Darüber hinaus kommt es durch die reduzierte Wassersättigung der Torfe zu einer Veränderung der Artenzusammensetzung hin zu weniger wasserliebenden Arten. Allgemein führt dies zu einer starken Reduzierung der moortypischen Biodiversität. Moore machen etwa 3 Prozent der weltweiten Landfläche aus, speichern aber 30 Prozent des erdgebundenen Kohlenstoffs – doppelt so viel wie alle Wälder zusammen. Wenn diese Kohlestoffspeicher trockengelegt werden, entweichen beim Abbau des über Jahrhunderte gebildeten Torfkörpers aus konservierten Pflanzenresten grosse Mengen an Kohlendioxid und gelangen in die Atmosphäre, was zur globalen Erwärmung beiträgt. Daher stellt die Wiedervernässung von Mooren eine wichtige und wirkungsvolle Möglichkeit zum Klimaschutz dar.

Das Beispiel Hinterbergried

Die Flach- und Hochmoore der Zimmerberg-Landschaft können längerfristig nur bestehen, wenn sie fachgerecht bewirtschaftet werden. Einige sind unter Schutz gestellt, das Hinterbergried zum Beispiel seit 1954. Auf der Fläche, die unter Schutz gestellt ist, ist jegliche Beeinflussung des Landschaftsbildes untersagt. Das Hinterbergried ist während des Rückzuges des Linthgletschers in der letzten Eiszeit entstanden. Es liegt auf 675 Meter über Meer, nördlich der von Schönenberg nach Hirzel führenden Strasse. Im Jahr 1900 wurde ein Kanal – der Krebsbach – erstellt, der das Ried als Südost-Nordwest-Achse durchquert und dessen Wasserspiegel merklich gesenkt hat. Man hat damit in den Randpartien Kulturland gewonnen, das heute teils als Grasfläche, teils als Streuwiese genutzt wird. Doch durch die gewonnenen Kulturlandflächen kommt es zu einer fortschreitenden Verlandung. Dabei sterben viele Pflanzen und Tiere aus. Von einem grösseren Seebecken zu Beginn der Nacheiszeit ist heute kaum noch ein Weiher übriggeblieben. Bis zur Absenkung des Wasserspiegels um die Jahrhundertwende bildeten mächtige Torfschichten ein geschlossenes Hochmoorgebiet mit einer dafür charakteristischen Flora und Fauna.
Überkommunale Natur- und Landschaftsschutzverordnung in Schönenberg, Hütten und Teilen von Hirzel.

1 Sagenhölzliriede
2 Gubelried
3 Hinterbergriede
4 Rechbergmoosbachriede
5 Chaltenbodenriede
6 Mülibachrie
7 Waldsumpf bei Spitzenbüel

 

8 Riede Oberscherblegi
9 Riede Mittlerer Teufenbach
10 Riedtälchen südlich Gschwänd
11 Ried nördlich Gschwänd
12 Müliweiher bei Mülistalden
13 Ried Moos-Erni
Die Entwässerung ermöglichte den Torfstich und beschleunigte die natürliche Sukzession – die zeitliche Aufeinanderfolge der an einem Standort einander ablösenden Pflanzen- und Tiergesellschaften – stark, was die Zerstörung des kleinen Hochmoors eingeleitet hat. Die Hochmoorvegetation ging immer mehr zurück. Eine effektive Schutzmassnahme wäre es, den Wasserstand zu erhöhen, was aber am Widerstand der Landbesitzer scheitert, die das angrenzende Kulturland nutzen. So konnte die allmähliche Verlandung des noch verbleibenden Weihers nicht aufgehalten werden. Wo sich einst ein grosser See ausbreitete, ist heute nur noch ein Schilfgürtel übrig geblieben.
Seien es ihre mystische Ausstrahlung, ihre natürliche Artenvielfalt oder ganz einfach ihre Schönheit oder ihr nicht zu unterschätzender Anteil am Klima: Unsere Moorlandschaften sind in jedem Falle ein wertvolles Erbe, das es zu bewahren gibt.
Moorlandschaften wie die Sagenhölzliriede sind ein wertvolles Erbe.




lngrid Eva Liedtke




Die Autorin dankt Felix Brandt vom Naturschutzverein Schönenberg sehr für seine Hinweise und Informationen.