Zwar nicht als Bildmotiv, wohl aber als Verfasser der Kartentexte steht der Mensch im Mittelpunkt. In meiner Sammlung liegen etliche Karten doppelt, gar dreifach, wenn der Text darauf aus irgendeinem Grunde besonders interessant, erheiternd merkwürdig oder ergreifend ist.
Im Jahre 1894 zählte Wädenswil bereits über 7000 Einwohner; es waren aber lediglich 23 Telefonanschlüsse in Betrieb und die waren gewiss nicht in Privathaushalten installiert, sondern in Handelshäusern und Industriebetrieben. Deshalb wurden damals und noch bis weit in unser Jahrhundert hinein Einladungen, Besuchsanzeigen, Anfragen und andere Mitteilungen, die wir heute telefonisch erledigen, auf Ansichtskarten geschrieben.
Da heisst es zum Beispiel:
Lb. Clara!
Teile Dir mit, dass ich morgen nicht am Bahnhof sein kann, da ich in Wädensweil bin, erwarte Dich aber am Sonntag ganz bestimmt bei mir im Martahof.
Deine Luise H.
Die Karte wurde am 5. Januar 1904 abgeschickt; das war ein Freitag. Luise H. konnte ohne weiteres annehmen, dass Clara, die in Erlenbach wohnte, den Bericht noch frühzeitig erhalten werde. − Dass Karten sehr schnell befördert wurden, zeigen die Exemplare, die am nächsten Tag in Basel, in Bern oder in der Ostschweiz angekommen sind.
Der folgende Text steht auf einer Karte vom 14. April 1906.
Werther Herr Knecht!
Möchte Sie höflich ersuchen, mir eine Flasche Fornis Blutbeleber per Nachnahme zu senden. Grüsst Sie freundlich
Frl. E. Hess Akazie, Wädenswil
Seltsam mutet der nächste Text an.
L.B. (Es handelt sich um ein Fräulein namens Berta.) Ich habe leider bis heute aus Mangel an Zeitüberfluss dir nicht antworten können. Jetzt sage ich dir nur dass du in den Briefen Behauptungen aufstellst, die gar nicht wahr sind. Übrigens wollte ich das lieber mündlich erledigen wenn du nur noch etwas zu warten vermöchtest. − Am Samstag ehe du verreistest wollte ich noch zu dir kommen aber da warest du wie schon manchmal gar nicht zu treffen. ich glaub nicht dass wie du schreibst ich dich nicht mehr sehen werde. Gruss U.K. von deinem alten bösen L.
An mangelndem Selbstbewusstsein scheint der junge Mann nicht gelitten zu haben. Man stelle sich Berta vor, welche diesen Text auf einer offenen Karte erhalten hat!
Zahlreich sind natürlich die Grüsse und Glückwünsche aller Art: Grüsse aus den Ferien in Wädenswil, vom Ausflug (z.B. auf die Au) und Glückwünsche zum Namenstag, zum Geburtstag usw. Darunter sind auch Texte, die in bierseliger Stimmung geschrieben worden sind, etwa der folgende von einer Maifahrt in den
«Engel»:
Der Maikäfer kriecht und summt.
Herr Ammann lacht und brummt
und alles gumpt.
Oder der etwas forciert heiter wirkende Feriengruss:
Meine Lieben!
Ein Gruss aus den schönen Ferien sendet Ihnen allen. Anna Bl.
Bin gesund, lustig u. immer noch ledig, was die Hauptsache ist. Adiö auf Wiedersehn.
Manche Kartenschreiber haben sich im Reimen versucht.
Liebes Linj!
Zu erfüllen Deinen Willen
Und zugleich den Durst zu stillen
Schreibe ich beim Glase Bier
Heute die Karte Dir.
Oder der Gruss an einen Sanitätsrekruten in Basel aus dem Jahre 1907.
Du bist ein hübscher Bursche
Du bist ein hübscher Knab
Jetzt rat von welchem Mädchen
Wohl diese Kart sein mag?
Diese Karte ist sehr abgegriffen, die Ecken arg bestossen, an einer Stelle fehlt die Farbschicht; sie ist zerknittert, und irgendeinmal ist sie nass geworden, sodass die Tinte zerflossen ist. Man kann sich gut vorstellen, wie der Empfänger die Karte in seinen Waffenrock gesteckt und so während des Exerzierens bei sich getragen hat.
Die abgebildete Karte − ein schönes Beispiel eines schwarz-weissen Eindrucks in eine farbige, im Prägedruck hergestellte, für den ganzen Kanton verwendbare Landschaft samt Helvetia − ist an eine verheiratete Frau geschickt worden, welche zur Zeit (im Mai 1903) bei Ihren Eltern weilte. Ihr Mann hat vermutlich einen Kurs an der «Schweiz. Obst- und Weinbauversuchsanstalt» besucht. Den Text hat er in einer Geheimschrift notiert. Obwohl ich noch eine weitere Karte des gleichen Verfassers mit wesentlich mehr Text habe, ist es mir nicht gelungen, die Schrift zu entziffern, was ja vom Verfasser auch bezweckt worden ist.
Die schweren Zeiten während und nach dem Ersten Weltkrieg haben auf Karten ebenfalls ihren Niederschlag gefunden.
Auf einer Karte aus dem Jahre 1917 wird eine junge Frau dringend zum Sparen aufgefordert; man könne nicht wissen, wie lange die Not noch andauere.
Im Dezember 1918 sind Freunde an der Grippe erkrankt. Man spürt dem kurzen Kartentext an, wie gross die Furcht vor dieser Epidemie war; viermal erscheint in den 14 Zeilen das Wort von Herzen oder herzlich.
Zu Anfang der zwanziger Jahre erhielt eine Familie im Vorarlberg folgenden Kartentext:
Werter Freund, werte gnädige Frau Heute sandte ich Euch ein Liebespacket & wünsche guten Empfang. Lasst bald was von Euch hören & seid herzt. gegrüsst in treuer Freundschaft.