Der nachfolgende Bericht möchte keineswegs den grossen, während sechs Jahren um unser Land tobenden Krieg beschreiben. Er möchte einfach zeigen, wie sich der Alltag mit allen Sorgen, Lasten und Entbehrungen, die sich in der Folge ergaben, hinter der Front abspielte. Wie sich unser Land trotz Abriegelung und gänzlich fehlender Importe behauptete, sich seine Selbstversorgung auf- und ausbaute und sich in selbstbestimmter Einigkeit trotz vieler Verzichte hilfsbereit zeigte. Wer diese Zeit miterlebte, möchte diese Einigkeit und Solidarität gerne wieder zurückhaben.
Es ist Krieg
Kriegsgerüchte lagen schon lange in der Luft. Erste Anzeichen wurden für uns spür- und erlebbar, als mit einem Male Kameraden nicht zur Arbeit erschienen und beim Nachfragen bekannt wurde, dass sie zum Kriegsdienst in ihre Heimat abberufen worden waren. Es ging dabei stets um Bürger aus Deutschland, mit denen man zur Schule gegangen, vielfach im gleichen Verein mitgewirkt und einen Teil der Freizeit zusammen verbracht hatte ohne zu wissen, dass sie gar keine Schweizer waren. Bei schon Verheirateten war auch die Frau, obwohl vorher Schweizerin, mitbetroffen. Wollte sie ihrem Manne nicht nach Deutschland folgen, schickte man sie vorerst ins Interniertenlager, denn zu einem doppelten Pass kam es erst durch die Erfahrungen des Krieges.
Zu Wutausbrüchen und Schimpftiraden auf offener Strasse aber gaben die eigenen Landsleute Anlass: Um sich und ihre Familien bei einem eventuellen Einmarsch der Deutschen in Sicherheit zu bringen, strebten sie in ihren mit Hausrat vollgestopften Autos in langer Schlange der Innerschweiz zu. Trotz aller Wut und Entrüstung kam einen oft das Lachen an beim Anblick dieser durch Überladung wackelnden Fahrzeuge, mit ihrem obenauf gebundenen Kanarienvogelkäfig.
Als aber Tage später, am 1. September 1939, die Sturmglocken aller Kirchen das Dorf aufschreckten, sie auch vom andern Ufer zu hören waren, am Berg der Gemeindeweibel Ernst Gattiker hornblasend im Auto von Hof zu Hof raste mit der Botschaft, dass der Krieg ausgebrochen, ein General gewählt sei und alle Wehrpflichtigen unverzüglich einzurücken hätten, war die Verwirrung total. Im Waisenhaus galt das Aufgebot dem Meisterknecht, der sich in Begleitung einiger Hausbewohner unverzüglich auf den Weg zum Schiff machte, denn er wohnte in Männedorf, wo seine Frau ein Rebgut bewirtschaftete, das ihm nicht genügend Arbeit bot. Als echter Appenzeller fand er in der Stallpflege des Waisenhauses eine ihm zusagende Alternative. Dank seiner Kompetenz lag der Landwirtschaftsbetrieb in guten Händen, was den Waisenvater der grössten Sorge enthob.
Chaos allüberall
Von einer Verabschiedung am Schiffsteg aber wurde nichts, denn schon das Umgelände des Bahnhofs überquoll von einer aufgeregten Menschenmenge aus bereits zum Einrücken gerüsteten Soldaten, begleitet von ihren Angehörigen. Frauen, die nur mit grösster Mühe ihre Tränen zurückhielten. In Angst weinende Kinder, die ihren Vater noch nie in Uniform, auch noch nie mit dermassen bekümmertem Gesicht gesehen hatten und bei der selber mit der Angst kämpfenden Mutter keinen Trost fanden. Die bange Frage: «Werden wir uns wohl wiedersehen?» stand allen ins Gesicht geschrieben, umklammerte sie wie mit eisernem Griff, dem sie sich nicht entziehen konnten, sie lähmte.
Dazu das Chaos bei jedem einfahrenden Zug. Die Bahn, damals nur im Stundentakt verkehrend, war dieser unerwarteten Beanspruchung gar nicht gewachsen. Kaum hatten die Kondukteure die Strecke ausgerufen, drängten sich die Soldaten um die dazumal schmalen und nur durch Treppenstufen erreichbaren Eingänge. In der Hast blieben sie dann mit ihrem Tornister an der Treppenstange hängen und versperrten den Nachkommenden für eine Weile den Weg. Der Anblick der steckengebliebenen Tornister, der in der Enge des entstandenen Gedränges in die Luft gestreckten Gewehre bot den Zurückbleibenden ein Bild der Verzweiflung. Bis tief in die Nacht rollten die Züge, lichteten sich allüberall die Bahnhöfe, bis die 430000 zur Generalmobilmachung aufgebotenen Soldaten ihren Einrückungsort erreicht hatten.
Der Morgen danach
Am andern Morgen machte ich mich zeitig auf ins Dorf, denn der Kassier der Sparkasse, meinem Arbeitsplatz, war ja ebenfalls eingerückt, und ich hatte ihn zu ersetzen. Auffallend die Geschäftigkeit im Dorf. Frauen mit Einkaufstaschen an jedem Arm hasteten grusslos an mir vorbei. Vor der Sparkasse erwartete mich eine Menschenschlange, deren Schwanz sich bis auf den Postplatz hinzog. Da war kein Durchkommen, bis ein Securitaswächter erschien, die Wartenden in Zweierreihe anstehen hiess und immer nur für zwei den Schalterraum öffnete. Aber bereits für diese zwei hatten wir beiden Frauen, die nun zurückblieben, genug zu tun. Schon die aufgeregten, um ihr Geld bangenden Kunden zu beschwichtigen, die meist mit den Sparbüchern der ganzen Familie aufrückten, kostete Geduld. Zur ruhigen, aber bestimmten Erklärung des alles überwachenden Chefs: «Pro Sparheft und Familie könnten vorerst nur 240 Franken ausbezahlt werden», gab es lange und enttäuschte Gesichter, oft auch laute Proteste. Aber im Grossen und Ganzen fügte sich die Kundschaft. Jedes spätere Mal, wenn die Kriegsberichte bedrohlich lauteten, wiederholten sich diese Bankenstürme. Post und Grossbanken mussten deshalb immer grössere Geldmengen bereithalten.
Hamsterwelle
Im Dorf wiederholte sich dasselbe. Die Lebensmittelläden, die Bäcker und Metzger wussten sich des Ansturms ebenfalls kaum zu erwehren. Wer Geld hatte, kaufte wahllos ein, auch wenn er es kaum noch heimschleppen konnte. Ja, oft drängten sich unvernünftige Kunden aus Angst, zu kurz zu kommen, hinter den Ladentisch, um sich selber einzudecken. Das Chaos war perfekt, die Geschäfte ausgeplündert, und wer kein Geld gehabt hatte, ging leer aus.
Schon am Nachmittag blieben die Läden geschlossen. Nur für ein paar Tage, hiess es, bis die Lebensmittel- oder Rationierungskarten bereit seien, damit die Vorräte gerecht und an alle, auch an diejenigen mit wenig Geld, verteilt werden könnten. Von jetzt an war das Land, da ja die Importe fehlten, auf sich selber angewiesen.
Verdunkelung
Wie die Soldaten an der Grenze, hatte sich auch das Hinterland den Gegebenheiten des Krieges anzupassen. Die Befehle folgten am laufenden Band. Als Erstes, die Häuser zu verdunkeln, um Flugzeugen keine Orientierung zu bieten. Wie viele Fenster gab es da im Hause zu verdunkeln, wie viele Rouleaus einzupassen, damit die schwarzen Papierbahnen abends einfach heruntergerollt werden konnten! Stoff in diesen Mengen war gar nicht erhältlich, und er wäre auch, wie in den meisten Häusern, zu teuer gewesen. Dazu durfte kein Spältchen Licht hervorgucken, denn bei gelegentlichen behördlichen Kontrollen folgten Mahnungen oder gar Bussen auf dem Fusse. Sogar die Velolampen mussten abgedunkelt werden.
Entrümpelung von Estrichen und Kellern
Um dem Feuer bei einem eventuellen Bombenanschlag wenig Nahrung zu bieten, kam Befehl, die Estriche zu räumen und dafür eine Kiste Sand mit einem flachen, lappenumwickelten Besen als erstem Flammenlöscher hinzustellen. In so genannten Luftschutzkursen lernten die zurückbleibenden Frauen und Männer, sofern sie nicht für besondere Dienste beansprucht waren, bei einem Brand durch Bombeneinschlag selber erste Hilfe zu leisten. Diese Kurse waren äusserst unbeliebt, denn das Feuerlöschen musste einmal während der Kurszeit am brennenden Objekt erprobt werden. Dabei kam es zu vielen Unfällen. Gegen Ende des Krieges wurden die Kurse sogar abgeschafft.
Was da in den Estrichen alles dahinschlummerte, längst vergessen war oder ganz neu zum Vorschein kam, das ging, wie das Sprichwort so treffend sagt «auf keine Kuhhaut». Manch heimliche Träne floss auf einst lieb gewordene Erinnerungsstücke, dazu auch auf solche, die heute einem Museum wohl anstünden und unsern Nachfahren vieles erklärt hätten, was sie an unserm Tun nicht verstanden.
Im Keller konnten diese Überbleibsel auch nicht verstaut werden, denn dieser diente zum einen der Vorratshaltung, die das Überleben sicherte, zum andern brauchte jedes Haus einen sichern Raum im Keller, in den es sich bei einem Luftangriff retten konnte. Der Raum wurde, wenn nötig, mit Balken abgestützt und für einen längern Aufenthalt zurechtgemacht. Gut, dass er nie gebraucht wurde, denn für längere Aufenthalte, wie sie die Kriegsländer erlebten, hätte trotz Vorsorge vieles gefehlt.
Dasselbe Schicksal wie den Luftschutzkursen war auch den Ortswehren beschieden. Die Idee, die dahinter stand, ausgediente Soldaten wie das Militär zum Schutze des Dorfes einzusetzen, war sicher gut gemeint. Als aber die Männer ausgerüstet mit alten Uniformstücken aus den Armeebeständen zum ersten Exerzieren einrücken mussten, gab es laute Proteste. Ein Dienst ohne Waffe kam gar nicht in Frage. So etwas liessen sich die einstigen Soldaten, die alle den Ersten Weltkrieg mitgemacht hatten, nicht gefallen. Auch schämten sie sich richtig, sich in den alten Uniformen im Dorf zu zeigen. Da gab es ganz bissige Kommentare, ja, vom «Gfätterle» war sogar die Rede.