Dann geht es weiter in der Oberstufe, mit Schnuppern und Lehrstellensuche.» Sie empfindet die Anforderungen, die an sie und ihr junges Leben gestellt werden, als hoch. «Wie viel schwieriger ist es dann wohl für die Migranten?», fragt sie.
Carlos ist positiv und sieht es entspannter, obwohl er sich mit seinen 17 Jahren in der Sek schon ein wenig alt fühlt. Seine ersten Erfahrungen mit der Sprache waren nicht so schlimm, da er vorher in Portugal gelebt hat und portugiesisch spricht. «Spricht man eine lateinische Sprache, ist es einfacher. Man kann sich in Italienisch, Spanisch, auch auf Französisch einigermassen gut unterhalten. Auch für ihn war die erste Zeit in der Schule eine Herausforderung, aber: «Das hat halt mit uns selber zu tun, weil wir aus einem anderen Land kommen. Da muss man irgendwie durch, es aushalten, lernen, dann wird es besser und es lohnt sich. Meiner Meinung nach ist das System in der Schweiz sehr gut, viel besser als in Portugal. Die Lehren, die man hier machen kann sind anspruchsvoll und qualitativ gut.»
Michelle: «Aber es stimmt schon, hier leben wir, um zu arbeiten. Das ist manchmal ganz schön anstrengend. Das geht wohl oft auf Kosten dieser Lebendigkeit, die ihr jungen Leute hier vermisst.» Auch Souzana beklagt den Mangel an Lebendigkeit und erzählt vom Leben, das sich in Ägypten auf den Strassen abspielt, von den Läden, die immer geöffnet sind, den Cafés, in denen man sich trifft. Da sind die Mädchen mit dabei – natürlich in Begleitung! Hier in Wädenswil darf sie nach 18.00 nicht mehr auf die Strasse und muss um 21.00 Uhr im Bett sein, weil nur unanständige Mädchen noch draussen sind. Sie darf auch nicht bei einer Freundin übernachten.
Anastasijas Langeweile und ihr Bedauern über die fehlende Lebendigkeit hier rufen wehmütige Erinnerungen hervor an gesellige Abende an ukrainischen Stränden, wo Jugendliche sich treffen, sich zueinander setzen und musizieren und singen. «Dazu braucht man kein Geld, nur ein paar Leute und Musik.»
Carlos verweist auf sein Aufgehoben-Sein in einer christlichen Glaubensgemeinschaft und die Wichtigkeit, irgendwo dazu zu gehören. Und somit kommen wir auf den Einfluss der Religion zu sprechen. Alle sind sich sehr schnell einig, dass niemandem ein Glaube aufgedrückt werden sollte: dass man für den rechten Glauben kein Kriege führen oder Menschen unterdrücken und verachten darf.
Souzana arrangiert sich mit den muslimisch motivierten Vorschriften, die ihr von ihrer Mutter gemacht werden. «Ich darf einfach keine kurzen Shorts tragen, kann mich aber doch stylish kleiden. Dass ich keinen Freund haben darf und eine eigene Wohnung erst, wenn ich einen Mann habe, der Moslem ist, das nervt. Aber es gibt ja auch hübsche Moslemmänner!» Sie ist erst fünfzehn. Sie spricht fliessend und akzentfrei Schweizerdeutsch, ist aufgeweckt und intelligent. Vielleicht wird sie sich eines Tages von allen Vorschriften befreien. Den Hass auf Moslems lehnt sie ab, aber auch ihre fundamentalistischen Glaubensbrüder und -schwestern. «Die sprechen nicht mal mit mir! Sie verderben unseren Ruf.»
Für Carlos, der einmal Priester werden will, geht es vor allem um Liebe. Er sieht darin ein übergeordnetes Glaubens-Prinzip, das nicht an eine Religion gebunden sein muss. In seiner christlichen Glaubensgemeinschaft fühlt er sich aufgehoben. Man lebt zusammen, hilft einander, singt, betet, feiert Feste. «Was wir Menschen aus unserer Religion machen, ist unsere Verantwortung. Natürlich finden wir es auch besser, wenn jemand einen Partner desselben Glaubens heiratet, aber das ist nicht obligatorisch. Jeder sollte selber entscheiden. Wir Menschen sind alle gleichberechtigt.» Carlos sieht auch seine Integration hier in diesem Licht. Er kann sich nicht erinnern, je wegen seiner dunklen Hautfarbe diskriminiert worden zu sein. Im Gegenteil. Die Mädchen fänden sein Aussehen interessant und exotisch, bemerkt er mit schalkhaftem Grinsen. Carlos übernimmt die Verantwortung für sein Glück. Sein Glas ist halbvoll und er sieht viele Chancen.
Und so kommen wir schnell zum nächsten Thema: Gleichberechtigung! Frauenrechte? «Für unsere Generation kein Thema mehr!», meint Jessica. Souzana sagt: «Mein Stiefvater macht nichts, wenn er keine Lust hat. Aber ansonsten ist es hier für Frauen schon besser». Michelle Tenger macht auf die immer noch nicht durchgesetzte Lohngleichheit aufmerksam. Doch das Thema scheint für die jungen Frauen noch zu weit weg zu sein. Die eigenen nächsten Schritte und Möglichkeiten sind präsenter.
Draussen ist es schon dunkel, als wir uns verabschieden an diesem lauen Abend. Wir sind alle glücklich, dass diese Gesprächsrunde so überaus spannend und anregend verlaufen ist.