Das Jahrbuch der Stadt Wädenswil hat sich schon wiederholt mit markanten Bauernhäusern unserer Gemeinde befasst. 1985 hat Christian Renfer die Geschichte des
Furthofes und 1986 die Geschichte des
Neugutes erfasst. In diesem Beitrag soll nun versucht werden, einen Gesamtüberblick über die Bauernhäuser unserer Gemeinde zu geben. Dabei kann es lediglich um eine vorläufige Würdigung gehen. Die Geschichte der einzelnen Häuser ist in vielen Fällen noch recht lückenhaft erforscht. Für Bauernhausforscher, Denkmalpfleger und Historiker gibt es hier noch manche Aufgabe zu lösen.
Die Gemeinde Wädenswil gehört zu jenen Regionen des Kantons Zürich, die eine überaus grosse und stattliche Zahl von schützenswerten und geschützten Bauernhäusern aufweisen. Unsere Gemeinde hat einen recht tüchtigen und stolzen Bauernstand hervorgebracht, der auch in der Lage war, nicht nur zweckmässige, sondern auch recht schöne Häuser zu bauen und sie über Generationen hinweg zu erhalten. Doch der Schein könnte trügen: Nicht alle Bauernhäuser sind vom Zuschnitt eines Büelenhauses, einer Hohlen Eich, eines Letten. Neben diesen stolzen Zeugen des 18. Jahrhunderts gibt es eine ganze Reihe von bescheidenen, ja oft unansehnlichen Bauernhäusern. Und dann haben wir nie zu vergessen, dass die auf uns gekommene Bausubstanz nicht hinter das 16. Jahrhundert zurückgeht. Die verhältnismässig kleinen Bauernhäuser, die vorher fast ausnahmslos in Holz gebaut und mit Schindeln bedeckt waren, sind zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert allesamt verschwunden. Man trug sie ab, um an ihrer Stelle neuere, grössere Häuser zu bauen. Inzwischen hatte die Bevölkerung zugenommen; es brauchte mehr Platz, und in den Häusern hatten oft zwei Familien, beide aus mindestens zwei Generationen und vielen unverheirateten Frauen und Männern bestehend, Unterkunft zu finden. Die Grössenverhältnisse von einst und jetzt sprechen da eine deutliche Sprache. Neben dem einst grossen Haus stand eine verhältnismässig kleine Scheune; es gab weniger Vieh und keine Maschinen. Heute ist es genau umgekehrt: Der moderne Landwirtschaftsbetrieb benötigt grosse Scheunen, um den verhältnismässig grossen Viehbestand, die grösseren Futtervorräte und die vielen Maschinen aufzunehmen. Demgegenüber hätte die Kleinfamilie des heutigen Bauern auch in einem verhältnismässig kleinen Einfamilienhaus, ja in einer Wohnung Platz. Knechte und Mägde, mitarbeitende Onkel und Tanten gibt es heute nicht mehr. Das sind alles Gründe, weshalb es oft schwer war und noch ist, ein altes, grosses Bauernhaus über die Runden zu bringen. Zwar hat mancher Zeitgenosse die Schönheit alter Häuser entdeckt, doch stellt man an den Wohnkomfort andere Ansprüche als früher. Renovationen sind recht teuer, und sehr oft tauchen Probleme auf, die man mit einem Neubau eben nicht hat. So sind in manchem Bauernhaus im Laufe vor allem des 19. Jahrhunderts Umbauten und Anbauten vorgenommen worden, die heute eher stören. Bei einer umfassenden Renovation eines alten Bauernhauses stellen sich sodann Probleme, die von einem Bauern kaum bewältigt werden können.
Heute sind freilich manche dieser Häuser nicht mehr von Bauern bewohnt. Dies hängt mit der Abwanderung aus der Landwirtschaft zusammen. Sie ist grösser als gemeinhin angenommen wird. Dazu nur einige Zahlen: Um etwa 1800 zählte unsere Gemeinde rund 3000 Menschen, nicht weniger als 2000 waren damals in der Landwirtschaft tätig. Um 1900 war die Bevölkerung auf 7590 angewachsen. Die landwirtschaftliche Bevölkerung rekrutierte sich damals aus ungefähr 1000 Personen. Um 1930 zählte unser Dorf rund 9000 Personen, ständig in der Landwirtschaft tätig waren damals nur noch 762 Menschen. Heute weist unser Dorf eine Bevölkerungszahl von rund 19‘000 Personen aus, ständig in der Landwirtschaft arbeiten indessen nur noch 175 Personen. Die Bauernhäuser innerhalb des Dorfes sind meist in «gewöhnliche» Wohnhäuser umgewandelt worden. Demgegenüber werden viele Bauernhäuser im Wädenswiler Berg noch heute von Bauern bewohnt. Einige sind renoviert, andere nicht. Kein Wunder: um ein Bauernhaus zu renovieren und auf den modernen Stand zu bringen, braucht es sehr viel Geld, und das haben manche Bauern einfach nicht.
Was geschieht, wenn eine Renovation oder eine Sanierung vorgenommen werden soll? Ruft der Bauer den Heimatschutz, holt er die Denkmalpflege, oder behilft er sich selber? Aus meiner langjährigen Erfahrung in der Natur- und Heimatschutzkommission sowie als Mitglied der kantonalen Denkmalpflege, ferner aus meiner Kenntnis vieler Bauernfamilien weiss ich ungefähr, wie es in den bäuerlichen Köpfen aussieht. Die erste Frage wird folgender massen gestellt: Was kostet eine Sanierung, wenn ich sie selber mache; was kostet sie, wenn der Heimatschutz bzw. die Denkmalpflege daran beteiligt ist? Vielleicht bekomme ich eine gewisse Subvention, aber ist sie gross genug, und wird man nicht allzu sehr dreinreden? Komme ich nicht besser weg, wenn ich selber Hand anlege? So lauten einige Überlegungen.
Wie aber sieht es auf der Gegenseite, auf der Seite der Denkmalpflege aus? Wie operiert sie, wie denkt sie? Lassen wir einen Vertreter der Denkmalpflege selber sprechen: «Die Denkmalpflege hat im ländlichen Bereich die wichtige Aufgabe, Häuser aus allen Zeitepochen in ihrer Originalsubstanz und mit ihrer natürlichen Umgebung zu erhalten. Restaurierungen müssen sich stets nach dem Gebäude richten, nicht nach den Wünschen des Eigentümers.» So schreibt Roland Flückiger («Unsere Kunstdenkmäler» 1986, I, S. 87). Das tönt auf den ersten Blick recht hart. Es ist jedoch, wie der ausgezeichnete Beitrag zeigt, anders gemeint. Die Bauernhäuser, so heisst es weiter, «enthalten einen aus traditionellen Funktionen des bäuerlichen Lebens entwickelten Grundriss, der in seiner konstruktiven Auswirkung (tragende Wände, Feuerstellen) eindeutig bestimmt ist. Ohne gravierende Zerstörung dieser Gebäudestruktur kann in keinem Bauernhaus zum Beispiel die Küche zur Abendsonne hin gelegt werden oder die Fläche der Stube verdoppelt werden, es sei denn, das Haus halte diese Lösung schon bereit», Dies ist zweifellos richtig. Ob das die Bauern aber immer verstehen? Die Schwierigkeit fängt schon im Detail an. Ja hier, im Detail, sitzt oft er Teufel, manchmal auch nur der Wurm.
Was geschieht, wenn eine Holzfassade oder auch nur ein Teil von Insekten, Pilzen und von der Witterung zerstört ist? Geht nun der Bauer zur Denkmalpflege, um sich orientieren zu lassen, um für den Ersatz in der Holzdimension und in der Detailform die Fassade originalgetreu wiederherstellen zu lassen? Im besten Fall wird er versuchen, den Schreiner zu bewegen, die fehlenden Teile durch Holz zu ersetzen. Aber hat dieser das gleiche Holz, und ist das Holz genug gelagert? Und dann, wie wird das Holz behandelt, wird es nach alter Tradition mit Leinöl behandelt, der nimmt der Schreiner die erstbeste Lasur oder Beize? Noch schlimmer als dies ist die Versuchung, die Holzteile durch Kunststoffplatten zu ersetzen. Sie gelten eben manchmal als fortschrittlicher, sind billiger und faulen nicht. Besonders schlimm ist es, wenn ganze Wände hinter Blech verschwinden.
Ein anderes Kapitel bilden die Fenster. Auch sie müssen in einem alten Bauernhaus gelegentlich ersetzt werden. Wird nun der Bauer beim Schreiner Sprossenfenster nach der alten Art bestellen, oder wird er die erstbeste Handelsware doppeltverglast, sprossenlos einkaufen und einsetzen lassen? Ähnliches gilt für das Dach. Die alten Biberschwanzziegel zerbröckeln. Nun bringt er Dachdecker die «neueste Ware», und die noch gut erhaltenen Biberschwanzziegel nimmt er mit, um sie anderswo (vielleicht mit Gewinn) wieder anzubringen. Noch schlimmer steht es mit den Schindeldächern. Dafür gibt es nur noch in bestimmten Regionen gelernte Berufsleute. Für die Hafner gilt ähnliches. Was geschieht, wenn der alte Kachelofen nicht mehr zieht? Was passiert, wenn der Feuerschauer erklärt, der Kamin sei nicht mehr in Ordnung? Leider ist es früher oft vorgekommen, dass dann die Sterbestunde des alten Kachelofens schlug. Auch heute noch kann ein Hafner dem Bauern raten, den alten Kachelofen abzutragen; einen neuen zu setzen sei ja billiger. Den alten aber nimmt der Hafner vielleicht mit, um ihn anderswo wieder aufzubauen.
Probleme, nichts als Probleme! Doch es wäre ungerecht, nicht anzuerkennen, dass es auch grosse Fortschritte zu verzeichnen gilt. Auf beiden Seiten, auf der Seite der Denkmalpflege und auf der Seite der Bauern, hat man aus den Fehlern gelernt, und die Gegensätze sind nicht mehr allzu gross. Und vielleicht erleben wir es noch, dass die Bauern, wenn sie vor baulichen Problemen stehen, von sich aus den Denkmalpfleger zu Rate ziehen. Und vielleicht erleben wir es auch noch, dass die Denkmalpfleger bereit sind, auf die speziellen bäuerlichen Wünsche einzugehen, sie besser zu verstehen. Vielleicht sind sie eines Tages sogar bereit, eine Konzession zu machen. Das scheint, wenn wir es so ausdrücken, nicht einer sehr mutigen, einer forschen Haltung zu entsprechen. Aber diese Haltung ist realistisch, und sie wird deshalb auch in Zukunft richtungsweisend sein. «Es ist wichtig», sagte kürzlich Prof. Dr. Albert Knoepfli, der Altmeister der schweizerischen Denkmalpflege, «aufeinander zu hören, aufeinander einzugehen und sich die Zeit dazu selbst in der Hetze unserer ständigen Feuerwehreinsätze zu stehlen.» («Unsere Kunstdenkmäler», 38/1987, I, S. 20).