Silk Memory

Eine Webplattform lädt zum virtuellen Rundgang durch die ehemalige Seidenweberei Gessner

Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2019 von Roman Wild
 
Zürich war im 19. Jahrhundert weniger als Bankenplatz denn als Seidenstadt, als «Ville de la Soie», bekannt. Rund um den Zürichsee und quer durch das Säuliamt waren zehntausende Anrüster, Zwirnerinnen, Spinner, Weberinnen, Fergger, Verlagsunternehmer und Stoffhändler im Seidenfach tätig. In verlagsindustrieller Zusammenarbeit verwandelten sie kostspielige Rohseide in hochwertige Kleider-, Krawatten- und Möbelstoffe. Gemäss der eidgenössischen Volkszählung von 1870 standen in Wädenswil 58 Männer, 842 Frauen und 207 Familienangehörige in Lohn und Brot der Seidenverarbeitung, in Richterswil wurden insgesamt 587 Personen gezählt. Lokal verankerte Familienunternehmen wie Schwarzenbach, Stünzi, Gessner, Zürrer, Näf oder Stehli wuchsen im ausgehenden 19. Jahrhundert zu multinational vernetzten Grossunternehmen heran. Die für den Export bestimmten «Zürcher Artikel» genossen weltweit einen glänzenden Ruf. Mit einer Jahresproduktion von über 50 Millionen Metern zählte Zürich an der Jahrhundertwende gemeinsam mit Lyon, Como und Krefeld zu den führenden Zentren der europäischen Seidenindustrie.
Gewobenes Bild aus Seide, ohne Datum: «Zurich – Ville de la Soie».

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts suchten mehrere Kriege, Konflikte und Krisen die zürcherische Export- und Luxusindustrie heim. Die traditionsreichen Seidenunternehmen erlitten Verluste und wurden von Betrieben des Industrie- und Dienstleistungssektors in den Schatten gestellt. Angesichts der düsteren Zukunftsaussichten schlugen die Nachkommen des Seidenpersonals neue Ausbildungs- und Berufspfade ein. Das generationenweise tradierte Knowhow und die Beherrschung der technischen Arbeitsabläufe geriet dabei allmählich in Vergessenheit. Vorbei waren die Zeiten, als jedes Kind wusste, wie ein «Zürcher Artikel» beschaffen war, welche Handgriffe und Apparaturen für den sprichwörtlichen Seidenglanz vonnöten waren. Als ab den 1970er-Jahren auch noch bauliche Hinterlassenschaften wie die Fabrikareale oder Arbeitersiedlungen abgerissen wurden, drohte die Seidenverarbeitung vollends aus dem Alltag zu entschwinden. An die grosse Bedeutung und flächendeckende Verbreitung des einstmaligen Massengewerbes erinnerten im Zürichsee-Gebiet nur mehr einzelne Strassenschilder, etwa «Im Sydefädeli», «Zentrum Farb» oder «Fabrikstrasse». Heute ist die Seidenindustrie im Museum zu bestaunen – als «lebendige Tradition».
 

Mehr als 8000 Quellen wissenschaftlich erfasst

Der (Ab-)Glanz der Zürcher Seidenindustrie ist Gegenstand des an der Hochschule Luzern – Design & Kunst angesiedelten Projekts «Silk History since 1800». Das 2012 lancierte Forschungs- und Vermittlungsprojekt wertet über zwei Dutzend private Firmen- und Branchenarchive der Zürcher Seidenindustrie und zahlreiche Bestände aus öffentlichen Gedächtnisinstitutionen aus. Die materialreichen Sammlungen umfassen schriftliche, textile und visuelle Quellen. Unter der Leitung von Alexis Schwarzenbach analysiert ein Historikerteam bestehend aus Monika Burri, Roman Wild und Denise Ruisinger den Aufstieg und die Ausbreitung ebenso wie den Niedergang und das Erbe der Zürcher Seidenbranche. Um die Industrie verstehen zu können, unternehmen die Historikerinnen und Historiker Forschungsreisen im In- und Ausland, besuchen Bibliotheken, Archive und Museen, führen Interviews mit Zeitzeugen und stellen ihre Beobachtungen und Erkenntnisse an textil- und designhistorischen Konferenzen zur Diskussion. Ermöglicht wird das Seidenprojekt durch grosszügige Zuwendungen von Seiten des Lotteriefonds des Kantons Zürich, der Zürcher Seidenindustrie-Gesellschaft und der Hochschule Luzern – Design & Kunst.
Zu einem Abschluss wird das Projekt im Jahr 2020 gelangen, wenn zwei Darstellungen – eine wissenschaftliche Qualifikationsarbeit und ein historisches Sachbuch – zur Geschichte der Zürcher Seidenbranche erscheinen. Wer sich schon zuvor mit der einstmaligen Leitindustrie vertraut machen will, sei auf die Webseite «Silk Memory» verwiesen. Die im Herbst 2016 aufgeschaltete Plattform lädt zum virtuellen Rundgang durch die historischen Warenlager und Produktionsräume der Zürcher Seidenindustrie im Allgemeinen und der Wädenswiler Seidenweberei Gessner im Besonderen.
Die Einstiegsseite lädt zum Stöbern ein.

Für die Konzipierung und Unterhaltung der webbasierten Datenbank arbeitet die Historikerinnengruppe mit dem auf Textilien und Produkte spezialisierten Forschungsteam der Hochschule Luzern – Design & Kunst zusammen. Angeführt von Andrea Weber Marin und Alexis Schwarzenbach sichten Monika Burri, Tina Tomovic, Marie Schumann, Claudia Schmid und Chhail Khalsa textile und visuelle Quellen. Im 19. und 20. Jahrhundert wurden im Kanton Zürich viele Millionen Meter Seidengewebe gefertigt. Zehntausende von textilen Mustern fanden Eingang in die Firmenarchive der Zürcher Seidenstoffwebereien, zuweilen wurden sie auch in die Sammlungen der Fondazione Ratti in Como, des Victoria & Albert Museums in London oder des Textilmuseums St. Gallen aufgenommen. Vor dem Hintergrund dieses überwältigenden Fundus fungiert Silk Memory als Best-of – eine Auswahl von 8000 Objekten stellten die Textilexpertinnen nach Massgabe epochenspezifischer Dessins, brillanter Farbstellungen, innovativer Techniken, aussergewöhnlicher Materialien und firmenspezifischer Artikel zusammen.
Aber nicht nur die der Kundschaft unterbreiteten Seidenstoffe, sondern auch ihre Produktionsbedingungen sind auf Silk Memory einzusehen. Der Werdegang eines Seidenstoffes ist Schritt für Schritt, das heisst von der Stufe Rohstoff, Garn und Gewebe über die Abteilungen Kreation und Veredelung bis hin zu den Funktionen Marketing sowie Vertrieb dokumentiert. Die komplexen, von Arbeiterinnen im Zusammenspiel mit Maschinen ausgeführten Verrichtungen von A wie Andrehen der Webkette bis Z wie Zerschneiden der Stoffbahnen können in erstklassigen Bildstrecken studiert werden.
Anna Déer: Arbeitsschritt «Auswählen».
Anna Déer: Arbeitsschritt «Erfassen».

Durch die visuelle Aufbereitung lässt sich das abstrakte Vokabular der Textilkunst mühelos entschlüsseln. Versammelt sind auf der Webplattform zum einen viele anonyme Fotografien mit dokumentarischem Charakter. Zum anderen bietet Silk Memory auch Arbeiten von Autorenfotografen, darunter so renommierten Vertretern wie Jakob Tuggener, die im Kontext von Firmenjubiläen oder Reklamekampagnen entstanden sind. Damit die Bildersammlung überschaubar bleibt, wurden die fotografischen Quellen von den Historikerinnen minutiös verschlagwortet und darauf geprüft, ob sie die bereits vorhandenen Bestände sinnvoll ergänzen.
Ausgespielt werden die digitalisierten und in einer Datenbank verzeichneten Erzeugnisse über eine gemeinsam mit dem Zürcher Designstudio Astrom/Zimmer gestaltete Webplattform. Die Plattform lädt zum Stöbern ein. Die Objektansicht ist Liassen nachempfunden, das heisst für die Präsentation von Textilien an Messen und bei Kundenbesuchen bestimmten Musterlaschen. Technisch fusst sie auf dem Museumsinformationssystem im das web, das von der Kulturgüterdatenbank für Baselland in Kooperation mit der Forschungsgesellschaft Joanneum Research (Graz) und dem Museumsverbund Baselland KIM.bl (Liestal), entwickelt wurde. Im August 2019 waren exakt 5000 Objekte auf Silk Memory versammelt.
Lasche «Poisson»: Beispiel für einen Bekleidungsstoff der 1950er-Jahre.

Das Herzstück von Silk Memory bildet ein Set von Filter- und Suchmöglichkeiten für die Textil- und Bildquellen. Neben der Stichwort-Volltextsuche lassen sich alle Objekte nach den Kriterien Firma, Funktion, Ikonografie, Technik, Farbe, Produktion, Ort oder Partner eingrenzen. Am Beispiel der textilen Ikonografie wird ersichtlich, wie weit die Sammlungsbreite und Erfassungstiefe des Silk Memory-Projekts gediehen ist. Das 200-jährige Schaffen der Dessinateure und Patroneure lässt sich nach floralen, geometrischen, ornamentalen sowie figurativen Motiven, nach Karo-, Streifen- oder Punktemustern und, last but not least, nach Früchte- und Tierdarstellungen durchsuchen. Wer sich für letztgenannte Teilsammlung entscheidet, dem bieten sich in Jacquard-Technik gewobene Libellen oder farbenfrohe Fische dar, die per Schablonendruck auf eine Leinwandbildung aufgetragen wurden. Von jedem Textilmuster sind mehrere hochauflösende Abbildungen des Rapportes einsehbar, per Mausklick lassen sich die einschlägigen Metadaten in Erfahrung bringen. Für alle am textilen Erbe der Zürcher Seidenindustrie Interessierten – mögen sie aus der Forschung, Lehre oder Designpraxis stammen – liegen Einblicke in den historischen Produktionsprozess und Inspirationen für zeitgenössische Textilgestaltung bereit.

Ein Zwischenstopp bei Gessner

Darüber hinaus richtet sich Silk Memory auch ausdrücklich an die Nachfahren aus den Zürcher Webergemeinden. Beim virtuellen Abschreiten der seidenindustriellen Wertschöpfungskette und Innehalten bei ausgewählten Musterbüchern stösst man des Öfteren auf die Provenienz «Wädenswil» beziehungsweise «Gessner». Die ehemalige Seidenweberei Gessner ist in Silk Memory mit über 1000 Textilien und Bildern prominent vertreten. Dies ist dem Umstand zu verdanken, dass die Luzerner Forschergruppen im Zeitraum 2015/16 grosse Bestände aus dem historischen Firmenarchiv auswählen und aufbereiten durften. Der Seniorchef und ein ehemaliger Disponent der Gessner AG unterstützten diesen Prozess mit ihrem Experten- und Zeitzeugenwissen und erleichterten die Kontextualisierung und Datierung der Objekte.
Filter «Gessner»: Über 1000 Dokumente sind online einsehbar.

Wichtig war diese Kooperation insofern, als das Wädenswiler Familienunternehmen zu den repräsentativsten und langlebigsten Webereien der Zürcher Seidenindustrie zählte. Gessner geht auf ein im Jahr 1841 von Johannes Steiner und August Gessner gegründetes Verlagshaus zurück. Im Auftrag von Steiner, Gessner & Co. stellten verlagsindustriell organisierte Weberinnen Seide in Heimarbeit her. Die Gewebe sammelte die Firma ein, um sie in den weltweit führenden Mode- und Konsummetropolen zu verkaufen. Als Emil Gessner 1881 die Firmenleitung übernahm, stellte er die Produktion auf die mechanische Seidenweberei um. Im Neuwiesenquartier liess er hierfür einen Fabrikbau errichten. Im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts ratterten auf Gessners Geheiss auch auf dem Richterswiler Horn mechanische Seidenwebstühle.
Die Bilderleiste «Gessner AG» vermittelt die Wegmarken und Wendepunkte der Firmengeschichte.

Um Zollschranken zu umgehen und näher an Kunden und Absatzmärkte zu gelangen, begann die nach der Jahrhundertwende zur Aktiengesellschaft umgewandelte Gessner & Co. nicht mehr nur Seidenstoffe, sondern ganze Seidenfabriken zu exportieren. Die Tochterunternehmen kamen in Deutschland (Waldshut 1906), Italien (Rovereto 1923), Frankreich (Villeurbanne 1924) und Schottland (Dunfermline 1925) zu stehen. Auf dem Höhepunkt ihrer internationalen Ausbreitung 1927 waren im Gessner-Personalverzeichnis 2168 Namen eingetragen. Wie in der gesamten Branche bescherten die 1930er- und 1940er-Jahre auch Gessner schwere Rückschläge, denen die Direktoren Emil Isler und sein Sohn Max mit einschneidenden Restrukturierungen beizukommen suchten. 1967 wurde die Firma schliesslich in Gessner AG unbenannt, die Stoffproduktion auf den Standort Wädenswil zurückgebunden und das Sortiment auf Krawatten-, Oberbekleidungs- und Dekorationsstoffe aus Seiden-, Baumwoll- sowie synthetischen Garnen ausgerichtet.
Belegschaft im Wandel der Zeit: Gruppenbilder von 1891 und 1991.

1976 übernahm Thomas Isler die operative und strategische Verantwortung für das Familienunternehmen. So sehr sich die zwischenzeitlich zur Holding umstrukturierte Gessner AG an die gewandelten Marktbedingungen anzupassen suchte, zuweilen sogar mit vormaligen Konkurrenten zusammenspannte, nahmen die unternehmerischen Herausforderungen im Gefolge von Globalisierung und De-Industrialisierung zu. Im Jahr 2011 wurde der Entschluss gefasst, die Textilproduktion in der Schweiz aufzugeben und die vorhandenen Ressourcen auf den Textildetailhandel (Créasphère) und die Immobilienbewirtschaftung (di alt Fabrik) zu konzentrieren. In Deutschland werden unter dem Label Climatex weiterhin ökologische und technische Textilien hergestellt.
Im Entwurfsatelier der Edwin Naef AG, 1946.
Im Entwurfsatelier der Gessner AG, 1990.

Zu den meisten Wegmarken und Wendepunkten der Firma Gessner lassen sich auf Silk Memory Zeugnisse einsehen. Neben den «grossen» Entwicklungslinien, die von den vergleichsweise bilderarmen Firmenfestschriften aufbereitet worden sind, erlaubt die Webplattform die Erkundung «kleiner» Nebenschauplätze. Diese Räume im Laufe der Zeit und im Zuge der (post-) industriellen Umnutzung nachzuverfolgen, verweist auf gesellschaftliche Wandlungen und kulturelle Neuerungen, also auf Prozesse, die weit über die Belange der Zürcher Seidenindustrie hinaus reichen. Wie die Einführung neuer Technologien die Praxis des textilen Musterns veränderte, zeigen die Atelier-Ausstattungen der Stichjahre 1946 und 1990. In der fotografischen Gegenüberstellung wird erkennbar, dass der Websaal im Neuwiesenquartier nicht nur raumgreifende Jacquard-Webstühle, sondern auch Events wie zum Beispiel Modeschauen beherbergte. Und welche unternehmenskulturellen Leitbilder dominierten, darauf liefern die im Abstand von hundert Jahren aufgenommenen Gruppenbilder des Wädenswiler Personals Hinweise.
Der Websaal der Gessner AG, 1935.

Modeschau im Websaal, 1965.



Roman Wild,
Hochschule Luzern – Design & Kunst




Verwendete Quellen und Literatur

Moor, Tina. Silk Memory – ein Atelierbericht. In: Zeitschrift für Archäologie und Kunstgeschichte 72, 2015, Nr. 1+2, S. 143–162.
Müller, Caspar Karl. Statistik der Berufsarten des Kantons Zürich nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1870. Zürich 1875.
Rohrer, Christian; Bröcker, Kirsten; Knebelspiess, Stefanie; Ochsner, Kerstin. 175 Jahre Gessner. Von der Seidenweberei zur Gessner Holding AG (1841–2016). München 2016.
Schwarzenbach, Alexis; Weber Marin, Andrea. Silk Memory – von der Tradition zur textilen Innovation. In: TextilPlus 2, 2014, Nr. 11/12, S. 39–41.
Weber Marin, Andrea; Tomovic, Tina. Silk Memory oder der Weg vom Firmen- ins Webarchiv. In: Netzwerk Mode Textil. Jahrbuch 2017, S. 47–56.
Widmer, Martin. Sieben x Seide. Die Zürcher Seidenindustrie 1954–2003. Herausgegeben von der Zürcherischen Seidenindustrie-Gesellschaft. Baden 2004.
Ziegler, Peter. Bauerndorf, Industriestadt, Schulort. Das Auf und Ab der Textilindustrie prägte Wädenswils Entwicklung. In: Hochparterre 23, 2010, Nr. 23, S. 28–31.
Ziegler, Peter. Seidenweberei Gessner 1841–1991. 150 Jahre. Herausgegeben von der Gessner AG. Wädenswil 1991.
Ziegler, Peter; Mumenthaler, Max. 125 Jahre Gessner und Co. AG. Wädenswil 1966.

Webplattform

Online-Zugang: www.silkmemory.ch
Kontakt: silkmemory@hslu.ch