Den Stolz der Gemeinde bildete das kostbare Tafelgeschirr, zehn silberne Becher und sechs Schalen, welche der Zürcher Goldschmied Christoph Bräm im Jahre 1674 verfertigt hatte23. Der Wädenswiler Pfarrer Hans Konrad Ryff war mit dieser silbernen Hoffart nicht einverstanden, begnügte sich doch die Kirche bei der Abendmahlsfeier mit hölzernen Platten und Bechern. Ryff verlangte, man solle das Silberzeug verkaufen und den Erlös dem Schulgut überweisen. Der Pfarrer konnte aber mit seiner Forderung nicht durchdringen. Noch im Jahre 1796 wurde das kostbare Tafelgeschirr als Gemeindevermögen gebucht. Seither fehlt von den Bechern und Schalen jede Spur.
Der Becherschatz war nicht die einzige Zierde des Wädenswiler Gesellenhauses. Zu dessen Schmuck gehörten auch wertvolle Wappenscheiben in der Gerichtsstube. Sie waren Geschenke umliegender Gemeinden oder reicher Bürger. Neben den Wappenscheiben von Seegemeinden gab es auf dem Gesellenhaus Wädenswil auch Glasmalereien, die von Landvögten gestiftet worden waren. Leider sind die kostbaren Rundscheiben heute verschollen. Sie wurden vermutlich beim Abbruch des Gemeindehauses verschachert.
Dreihundert Jahre waren seit dem Bau des Gesellenhauses vergangen. Wind und Wetter hatten dem Holzwerk stark zugesetzt, und kostspielige Reparaturen häuften sich. Das Haus war zudem alt und eng und genügte den Ansprüchen längst nicht mehr. Im Sommer 1819 beschloss daher die Gemeindeversammlung, man solle das alte Gebäude durch ein neues, bequemeres Haus, das heutige Haus
«Sonne» – ersetzen. An Lichtmess 1821 wurde zum letzten Mal gewirtet, und schon am 12. Februar begann man, das morsche Gesellenhaus niederzureissen
24.
Wirtshaus «Krone»
Das
Wirtshaus zur Krone, dessen Anfänge vermutlich bis ins 15. Jahrhundert zurückreichen, dessen Geschichte sich aber erst seit der Reformationszeit urkundlich belegen lässt, war nebst dem Gesellenhaus bei der Kirche die einzige Gaststätte im Dorfe Wädenswil, die über ein Tavernenrecht verfügte. Gestützt auf dieses obrigkeitlich verliehene Recht, das von Zeit zu Zeit erneuert wurde, war der Kronenwirt ermächtigt, in seinem Hause auch warme Mahlzeiten aufzutischen und Gäste über Nacht zu beherbergen, während die Winkel- oder Pintenwirte lediglich Wein ausschenken durften. Das im Unterdorf gelegene Wirtshaus profitierte sowohl vom regen Schiffsverkehr auf dem Zürichsee als auch von den Reisenden, welche die Landstrasse Zürich – Chur passierten, und erfreute sich daher schon früh eines guten Rufs. Die Kronenwirte – 1530 war es Jakob Klein, 1555 Felix Hoffmann
25 und um 1653 ein Angehöriger der Familie Hauser – durften mit Recht auf ihren Besitz stolz sein! Zur Liegenschaft, welche östlich durch den offen zum See fliessenden Kronenbach begrenzt war und auf den andern drei Seiten «um und um an die Weg und Landstrasse» stiess, gehörte nämlich nicht nur das «Wirtzhus», sondern auch eine Metzg. Dazu kamen ein Speicher, eine Stallung und ein Schweinestall.
Im Hornung 1662 kam die «Krone» in den Besitz des Wädenswiler Landschreibers Hans Jakob Eschmann. Der aus begütertem und angesehenem Rittmeister-Geschlecht stammende Käufer dachte wohl kaum daran, selbst zu wirten. Er hatte nämlich in zwei schon ihm gehörenden Betrieben, in der Giessenmüli und der Sägerei am Sagenrain, vollauf zu tun und setzte darum seinen Bruder, den Untervogt Christen Eschmann (1636–1685), als Kronenwirt ein. Wenige Jahre vor dessen Ableben, 1682, nahm Heinrich Schwarzenbach den Gasthof in Pacht; 1690 folgte Andreas Hauser und 1693 Hans Jakob Hauser. Nach häufigem Wirtewechsel traten zu Beginn. des 18. Jahrhunderts wieder stabilere Verhältnisse ein. Seit 1706 war Feldschreiber Heinrich Eschmann aus der Giessenmüli Eigentümer des Gasthauses zur «Krone». Er hatte es von Quartiermeister Rudolf Eschmann samt Hausrat gekauft. Die «Krone» muss damals hablich eingerichtet gewesen sein. Das Notariatsprotokoll nennt nämlich eine reiche Ausstattung mit vielen Möbeln, mit Wäsche, Geschirr und Küchenzubehör26.
Im Jahre 1750 liess Lisabeth Eschmann, die Gattin des Säckelmeisters Jakob Müller zu Mülenen, das ererbte Wirtshaus zur «Krone» an den Krämer Jakob Kuster aus dem Rheintal verkaufen. Kuster war aber nicht lange Eigentümer. Noch im selben Jahr veräusserte er den Besitz dem jungen Batzenvogt Jakob Huber (1727–1809) von Wädenswil, der sich ein Jahr zuvor mit Verena Blattmann verheiratet hatte. Drei Jahre nach dem Hinschied seiner Gattin, 1764, schloss Jakob Huber einen zweiten Ehebund, und zwar mit Verena Eschmann, der Tochter des Wädenswiler Engelwirts. Geschäftstüchtigkeit und kluge Ausnützung der politischen Lage ermöglichten es dem Wirte-Ehepaar, die «Krone» zum Zentrum und Sammelpunkt führender Persönlichkeiten und zum Absteigequartier vieler durchreisender Grosser zu machen27.
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts profitierte der Kronenwirt vom wirtschaftlichen und sozialen Aufschwung gewisser Bevölkerungsschichten. Täglich trafen sich in seinem Haus die Wädenswiler «Fabrikanten», welche sich aus der Heimindustrie zu selbständigen Unternehmern emporgearbeitet hatten, zur Abendgesellschaft, wo «gekannegiessert» und dann eine Partie Karten gespielt wurde. Ab und zu wurde auch eine gebratene Taube oder ein gebackener Fisch aufgetischt, und dann wurde heftig politisiert oder, wie ein Zeitgenosse schreibt, «das Wohl und Weh des Vaterlandes beherzigt, die Regierung in Zürich und die Landvögt und Obervögt zurechtgewiesen»
28. Besonders laut tönte es an den Wirtshaustischen, seitdem die Mitglieder der 1790 gegründeten franzosenfreundlich gesinnten
Lesegesellschaft in der «Krone» ihre Zusammenkünfte und Sitzungen hielten. Hier las man die Abschriften der alten Freiheitsurkunden, französische Flugblätter und Revolutionsliteratur; hier sang man französische Freiheitslieder, und von hier aus verfolgte man mit wachem Interesse das revolutionäre Vorgehen der Stäfner Patrioten.
Die Einnahmen flossen in jenen Jahren so beträchtlich, dass der Kronenwirt um 1790 daran denken konnte, seinem Gasthaus einen grossen Saalbau anzugliedern (später Zentrumgarage), dem gegen die Engelstrasse hin ein grosser Garten mit herrlichem Baumbestand vorgelagert war. Der Kronensaal bildete eine wahre Sehenswürdigkeit. Sogar ausländische Reiseschriftsteller erwähnten ihn in ihren Berichten. So notierte 1795 der Engländer Normann, man finde in Wädenswil einen Konzertsaal mit vollständigem Orchester29. Nachdem die Stäfner Unruhen von 1794/95 verebbt waren, ging es wohl auch in der «Krone» wieder gemässigter zu und her. Weil hier verbotene und strafbare Zusammenkünfte abgehalten worden waren, unterstellte die Zürcher Obrigkeit das Gasthaus einer demütigenden Polizeiaufsicht, und Huber, der Wirt, musste sich nun bemühen, den guten Ruf seiner Wirtschaft wieder zu festigen. Dies scheint ihm gelungen zu sein, und auch sein Nachfolger Heinrich Höhn aus Schönenberg, der die Liegenschaft im Frühling 1813 von den Erben Huber gekauft hatte, konnte sich das Zutrauen weiter Kreise sichern. 1816 stieg in seinem Hause sogar Fürst Wrede ab. 1827 pries Markus Lutz in seinem «Geographisch-statistischen Handlexikon» die «Krone» in Wädenswil als den wohl besten Gasthof am Zürichsee.
Wirtshaus «Engel»
Wann die Wirtschaft zum «Engel» eingerichtet worden ist, steht nicht genau fest. 1647 wird geschrieben, dass der Engel, dessen Tavernenrecht damals umstritten war, erst seit wenigen Jahren bestehe30. Ein Eintrag im Gerichtsprotokoll von 1632, welcher das «Wirtshus alhir zum Enggel» erwähnt, wird folglich nahe an die Gründungszeit heranreichen31. Im Weinmonat 1632 beklagte sich Kaspar Oberlin von Zürich beim Landvogt Holzhalb über das Benehmen einiger Wädenswiler. Oberlin war mit Konrad Keller und einem fremden Pilger im Wirtshaus «Engel» eingekehrt. Während die drei Gäste bei ihrem Trunk sassen, hub im Lokal eine Schlägerei an. Konrad Hauser, Hans und Hansjoggeli Rusterholz sowie Peter und Hans Staub verprügelten sich und stiessen dabei Gotteslästerungen und schändliche Schwüre aus. Die Wirtin flüchtete entsetzt und schloss die Türe hinter sich ab. Als die wutentbrannten Gesellen bereits mit abgebrochenen Stuhlbeinen drauflos hieben, erschien sie wieder und wollte Ruhe gebieten. Umsonst! Der Landvogt, welcher von der Schlägerei in Kenntnis gesetzt wurde, fällte harte Strafen: Konrad Hauser wurde ins Gefängnis gesteckt, nachdem er Gott um Verzeihung gebeten hatte. Rusterholz wurde unter die Kanzel gestellt. Hier musste er seine Missetaten vor versammelter Gemeinde bereuen, dann wurde auch er eingesperrt.
Die Engelwirtin wird im Zeugenverhör von 1632 nicht mit Namen genannt. 1642 erwähnt die Landvogteirechnung eine Frau «Zeenderi». Das Grundprotokoll von 1655, welches eine erste Handänderung der Liegenschaft registriert, erwähnt Frau Barbel Bräm als Besitzerin, wenig später eine Regula Eschmann.
Das im Dorfe Wädenswil am See gelegene Wirtshaus zum «Engel» erhob sich nicht an derselben Stelle wie der heutige Gasthof, sondern weiter zürichwärts. Jenes Haus heisst heute noch «Alter Engel». Mit Regula Eschmann, welche den Gasthof noch 1655 von der Wirtin Bräm übernommen hatte, hielt eine Familie auf dem «Engel» Einzug, welche dessen Geschicke während rund zweihundert Jahren bestimmte. Wie in der «Krone», auf der Eichmüli oder in der Mühle im Giessen erwies sich auch hier Familientradition als die Kraft, die das Unternehmen zur Blüte brachte. Die Tauf-, Ehe- und Totenregister, welche von den Wädenswiler Pfarrern seit dem Ende des 16. Jahrhunderts geführt wurden, nennen einzelne Engelwirte
32: Hauptmann Hans Jakob Eschmann-Ernst (1661–1685 erwähnt), Caspar Eschmann-Eschmann (1661–1702), Wachtmeister Hans Jakob Eschmann-Diezinger (1683–1722), Heinrich Eschmann-Kölla (1717–1792) . Gemeinderat Caspar Eschmann, der in einem Verzeichnis der Tavernen und Wirtschaften vom Jahre 1805 als Engelwirt aufgeführt wird
33, scheint der letzte Vertreter des Geschlechtes gewesen zu sein, der sich in Wädenswil dem Wirteberuf zugewendet hatte. 1833 wurde zwar den Erben Eschmann das Tavernenrecht für den «Engel» nochmals erneuert. Sie dachten aber selbst nicht mehr ans Wirten. Man wollte das Recht lediglich fixieren, damit man es weiterverkaufen konnte. Und es fand sich ein Käufer, der die Wirtetradition der Eschmann weiterführen wollte: Kaspar Hauser (1783–1856), der Sohn von Batzenvogt Ulrich Hauser-Blattmann. Die Familie Hauser war schon lange Nachbar der Engelwirte Eschmann gewesen. Das alte Doppelwohnhaus und die Nebengebäude vorhalb dem «Engel» wurden in den 1830er Jahren niedergerissen. An ihrer Stelle liess Kaspar Hauser das
heutige Hotel Engel errichten
34.
Badestuben
Die im Kirchenurbar vom Jahre 1555 erwähnte Badestube stand unterhalb der Kilchmatte, ungefähr an der Stelle der heutigen Liegenschaft
«Eintracht»35. Sie spielte im Leben der Gemeinde eine wichtige Rolle. Man konnte hier nicht nur Wasser- und Schwitzbäder nehmen; der Scherer oder Barbier oblag hier auch seiner Tätigkeit im Haarschneiden, Bartscheren, Schröpfen, Aderlassen oder Massieren. Er war somit Coiffeur und Chirurg in einer Person. Die öffentlichen Badestuben standen unter obrigkeitlichem Schutz. Sie waren Ehehaften wie die Gasthäuser, Mühlen oder Schmieden und als solche in ihrer Zahl beschränkt. Nur nebenbei sei vermerkt. dass die Badestube vielfach auch der Ort war, wo man – wie im Wirtshaus – mit den Dorfgenossen die Ereignisse des Tages zu besprechen pflegte und dabei allerhand Neuigkeiten vernehmen konnte.
Um die Mitte des 16. Jahrhunderts amtete auf der Badestube am Plätzli der Scherer Lienhart Schinz. Sein Geschäft dürfte sich eines guten Zulaufs erfreut haben, denn ausser seiner Badestube gab es zu jener Zeit innerhalb der Herrschaft Wädenswil nur noch an der Hürschengasse in Richterswil einen Scherer und Barbier. Wie lange die Badestube am Plätzli in Betrieb war, entzieht sich unserer Kenntnis. Im Grundprotokoll wird jedoch schon 1654 von der «alten Bathstuben» gesprochen36. Der Eigentümer der Liegenschaft, Hans Jakob Keller, scheint sich nicht mehr als Barbier betätigt zu haben: er übte das Schmiedehandwerk aus. Beim Verkauf der Güter an Jakob Epprecht im Brachmonat 1673 wird die Badestube nicht mehr erwähnt, da sie offenbar inzwischen eingegangen war. Dafür gab es seit der Mitte des 17. Jahrhunderts in andern Dorfteilen Badestuben, so etwa 1683 jene von Barbier Heinrich Schärer an der Türgass. Auch im Keller der «alten Farb» an der Gerbestrasse war 1683 eine Badestube eingerichtet37.
Schiessstätte
Wie in verschiedenen andern Seegemeinden lag auch in Wädenswil die Schiessstätte ursprünglich direkt am Seeufer. Das 1559 mit einer Subvention der Zürcher Regierung neu erbaute Schützenhaus
38 erhob sich seewärts der Liegenschaft Rosenegg, anstelle des heutigen
Seehofs. Der Scheibenstand mit der Schützenmauer und dem Zeigerhäuschen lag am Ufer des offen zum See fliessenden Kronenbaches, etwa bei der heutigen westlichen Unterführung im Abschnitt zwischen Seeplatz und Bahnhof. Von der Schützenmauer am Kronenbach ist erstmals 1667 die Rede
39. Vor der Mauer waren die Scheiben so aufgestellt, dass die verschossenen Kugeln in den Kronenbach fielen.
In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts hatte sich der Mitgliederbestand der Wädenswiler Schützengesellschaft erhöht. In der Folge erwies sich das Schützenhaus als zu klein. Technische Fortschritte hatten die Schusswaffen verfeinert, und dadurch war auch in Wädenswil die Zieldistanz zu klein geworden. Man errichtete daher im Jahre 1651 einen zweiten Schiessstand, das hintere oder äussere Schützenhüsli40. Es war an das 1840 abgetragene Haus zur «Harmonie» angebaut, war, wie das innere, gemauert und trug ein Ziegeldach und ein «Klebtach», welches oft neu geschindelt werden musste. Die Inneneinrichtung wird im Schützenbuch beschrieben: Gewehrrechen, ein Tisch, lange Bänke und eine Tafel, «darinnen die Schützenordnung aufbehalten wird».
Während rund drei Jahrhunderten befand sich der Schiessplatz der Wädenswiler Schützen in der heutigen Bahnhofgegend. Am 24. Juni 1855 beschloss die Gemeindeversammlung, das Schützenhaus zu verlegen, da dessen Fortbestehen im Dorfgebiet nicht mehr als zweckmässig erachtet und von den Behörden auch nicht mehr länger geduldet wurde. Die Gemeinde kaufte deshalb von Jakob Leuthold am Rotweg ein Haus mit Scheune und Trotte, liess die Gebäude niederreissen und an ihrer Stelle (beim Sekundarschulhaus Rotweg) ein neues Schützenhaus bauen, welches am 26. Juni 1859 eingeweiht wurde. Hier führten die Wädenswiler bis 1894 ihre Schiessen durch. Dann verlegte man den Schiessplatz in den Steinacher.
Schulhäuser
Das älteste Wädenswiler Schulhaus stand am Fusse des Kirchhügels, direkt unterhalb des Pfarrhauses, also ungefähr da, wo sich heute die Liegenschaft
Rosenhof befindet. Es mag in der zweiten Hälfte des 16., eventuell in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts gebaut worden sein, war einstöckig und bot nur einer Klasse Raum. Aus dem 1757 gezeichneten Plan der Pfrundliegenschaften ist ersichtlich, dass das Dorfschulhaus im Grundriss etwa den selben Flächeninhalt aufwies wie die benachbarte Pfarrscheune: es war rund 11 Meter lang und 7 Meter breit
41. 1661 gliederte man dem Schulhaus einen Holzschopf an. 1678 errichtete man in der Schulstube einen neuen, grünen Kachelofen; 1699 wurde das Schullokal mit neuem Mobiliar ausgestattet: mit Schultischen und Stühlen. Gleichzeitig ersetzte man die blind gewordenen Butzenscheiben.