Rötiboden

Quelle: Kleine Schriften zur Zürcher Denkmalpflege, Heft 2 von Peter Ziegler

Haus Rötiboden Vers.-Nr. 880, Seeseitige Fassade mit 1974/75 freigelegtem Fachwerk im Giebel.
 

Lage

Die Hofgruppe Rötiboden liegt in einer Geländeverflachung am Hang westlich oberhalb Wädenswil. Das Ensemble umfasst zwei Wohnhäuser und sechs Ökonomiegebäude.

Geschichte

Die Liegenschaft Rötiboden lässt sich bis ins Jahr 1495 zurückverfolgen. Der ursprüngliche Name lautete Rütiboden, hergeleitet von Rodungstätigkeit im Spätmittelalter. Auf dem Gut, das anfänglich als Acker und Weide genutzt wurde, stand spätestens 1634 ein Haus, in dem die Familie Bachmann-Günthard wohnte. Mit dem Kauf des Rötibodens durch Jakob Hauser-Hauser an Martini 1647 kam eine Familie auf den Hof, die ihn während fünf Generationen bewirtschaften und in Wädenswil zu hohem Ansehen aufsteigen sollte. 1679 errichtete Johann Jakob Hauser-Eschmann (1649–1718) in Stein das heutige stattliche Wohnhaus Vers.-Nr. 880.
 
Der Türsturz trägt die Inschrift «16 HIH SAE 79» und die mit Maske verbundenen Familienwappen Hauser und Eschmann (Aeschmann). Die Initialen weisen auf Hans Hauser und Susanna Eschmann hin. Hans Hauser, geboren am 2. Dezember 1632, wurde am 15. Juli 1662 mit Susanna Eschmann, geboren am 2. Mai 1641, getraut. Zehn Jahre nach dem Hausbau wohnten die beiden nicht mehr auf Rötiboden. Gemäss Bevölkerungsverzeichnis von 1687 hatten sich hier Hans Jakob Hauser (1649-1718) und Regula Eschmann (1664-1719) niedergelassen. Die beiden hatten am 22. Juli 1687 geheiratet. Regula Eschmann war die Tochter des Landschreibers und Rittmeisters Hans Jakob Eschmann (1634-1694). Sie stammte aus vornehmer Wädenswiler Familie, die mit der Landschreiberei ein wichtiges Amt der Landvogtei Wädenswil innehatte. Kein Geringerer als Landvogt Hans Georg Werdmüller, der Bruder des Generals Johann Rudolf Werdmüller, war Regulas Pate.
 
Nach dem Tod der Mutter Regula Eschmann im Jahre 1719 übernahm Hans Jakob Hauser-Eschmann (geb. 1694) den Rötibodenhof in dritter Generation. Der Ehe entsprossen zwei Töchter. Elisabeth Hauser verheiratete sich mit Leutnant Hans Conrad Steffen an der Leigass, dem Besitzer des Bauernhofes Lange Stege. Susanna, die ihre Schwester aus dem elterlichen Besitz Rötiboden auskaufte, vermählte sich 1763 mit Batzenvogt Hans Jakob Hauser (1744–1814), dem Sohn des Hauptmanns und Landrichters Rudolf Hauser (1727–1791) und der Susanna Wüest (1725–1787) auf dem Weinbauerngut «Zur Vorderen Fuhr».
Batzenvogt Hans Jakob Hauser, der im Alter von 19 Jahren in den Hof Rötiboden eingeheiratet hatte, machte bald Karriere. Er wurde Geschworener, dann Mitglied des Herrschaftsgerichts und 1786 Untervogt der Landvogtei Wädenswil. Unter Untervogt Hauser wurde 1793 dem Haupthaus auf der Westseite ein zweistöckiges Trottgebäude unter Mansarddach angefügt. Im Stäfner-Handel von 1794/95 ergriff er Partei für die Stadt Zürich und erhielt dafür 1796 das Stadtbürgerrecht geschenkt. Mit der Aufhebung der Landvogtei verschwand 1798 auch das Amt des Untervogts. Im Jahre 1800 – während der Helvetik – wurde Hans Jakob Hauser Mitglied der Gemeindekammer Wädenswil und 1803 des Grossen Rates von Zürich.
Friedensrichter Heinrich Hauser-Theiler (1767–1823), der einzige Sohn des Untervogts, war seit 1807 alleiniger Eigentümer des Hofes Rötiboden.
 
1817 verkaufte er dem Vieharzt Heinrich Brändli-Brändli einen Teil seines Besitzes, unter anderem das Grundstück, auf dem dieser 1819 das Nachbarhaus Vers.-Nr. 882 erstellen liess.
 
Über Heinrich Hausers Tochter Elisabeth (1795–1853) kam der alte Rötibodenhof an deren Gatten, den Arzt Heinrich Zuppinger (1793–1838). Nach dem Tod der Mutter vererbte sich der Hof 1853 auf den Sohn Heinrich Zuppinger-Brupbacher (1818–1870), ebenfalls Arzt, und 1872 auf dessen Sohn, den Landwirt Heinrich Zuppinger-Schwarzenbach (1846–1915), der vor allem für sein Spalierobst, das er auch dörrte, bekannt wurde. Das Wohnhaus vererbte sich in der Familie Zuppinger, die es 1955 verkaufte. 1974 erfolgte die Umwandlung in Stockwerkeigentum.
 
Der von Tierarzt Heinrich Brändli-Brändli (1757–1844) 1819 im Ausgelände des alten Rötibodenhauses erstellte Neubau ging an die Söhne Heinrich und Hans Ulrich über, die den elterlichen Hof 1860 an alt Präsident Jakob Höhn-Hägi (1805–1873) aus dem Weiler Kalbisau in der Gemeinde Hirzel veräusserten. Zum Wohnhaus mit 35 Jucharten Umschwung und 33⁄4 Jucharten Wald gehörten damals ein Wasch- und Brennhaus mit Holzschopf und Keller, ein kleines Ökonomiegebäude und zwei Scheunen. Der bis in die 1970er Jahre für Milchwirtschaft und Obstbau genutzte jüngere Rötibodenhof blieb im Besitz der Familie Höhn und gehört heute einer Erbengemeinschaft.

Kunstgeschichtliche Würdigung

Kern der Hofgruppe Rötiboden ist der 1679 erstellte stattliche Steinbau Vers.-Nr. 880 mit ursprünglich zwei Wohngeschossen. Dank der Hanglage tritt das Kellergeschoss auf der Seeseite ganz, auf der Bergseite gar nicht in Erscheinung. An der südöstlichen Trauffassade führt eine doppelläufige Aussentreppe zum Eingang in der Mittelachse. Dessen Sandsteingewände ist leicht verziert,
 
Auf eine Renovation oder einen Umbau weist die Jahreszahl 1747 auf einer Konsole in der Stube in der Ostecke des Erdgeschosses hin. Links und rechts der durch Giebelgaube betonten Achse ist im Erdgeschoss je eine vierteilige Fensterreihe angeordnet und im Obergeschoss je ein Doppelfenster. Die zum Dorf und See ausgerichtete Giebelfassade weist im Giebelfeld rot gestrichenes Fachwerk auf und eine Dachkonstruktion mit Flugsparren, Hahnenbalken und Hängesäulen. Drei grosse Rundbogentore erschliessen das Treppenhaus und die zwei Keller mit Kreuzgratgewölben und Tonplattenböden. Auf einem Stein im nordwestlichen Keller ist ebenfalls das Baujahr 1679 vermerkt. Zwei vierteilige Fensterreihen und je ein Doppelfenster mit gekehltem Mittelpfosten und profiliertem Sims markieren die beiden Hauptgeschosse.
Im Jahre 1793 wurde an die Westfassade des Haupthauses auf Rötiboden ein zweistöckiges Trottgebäude mit damals modernem Mansarddach angebaut. Seine Dachuntersichten zeigen verputzte Hohlkehlen. In der dreiachsigen Nordwestfassade trägt ein Sturz mit verziertem Schlussstein die Jahreszahl 1793. Die Nordostfassade weist ein dem Haupthaus angepasstes Rundbogentor auf und in den beiden Obergeschossen je zwei Fensterachsen. 1877 wurde das Trottwerk abgebrochen, und man baute das Nebengebäude zum Wohn- und Waschhaus um.
 
Das gemauerte Wohnhaus von 1819 (Vers.-Nr. 882) verfügt über einen nahezu quadratischen Grundriss. Die seeseitige Giebelfassade weist in den Vollgeschossen fünf Fensterachsen auf und in den Dachgeschossen weniger und kleinere Fenster. Zwei grosse, zweiflüglige Portale erschliessen von der Speerstrasse her den Most- und den Obstkeller. Die Hauptfassade, gegen Süden gerichtet, gliedert sich ebenfalls in fünf Achsen. Die asymmetrische zweiflüglige Haustüre, mit Baujahr im Schild am Portalsturz aus Sandstein, und eine Lukarne betonen die Mittelachse. Die dreiachsig angeordneten Fenster der westseitigen Giebelfassade sind als Wetterschutz mit vorkragenden Steinplatten verdacht. Ein relativ steiles, mit Biberschwanzziegeln doppelt gedecktes Sparrendach mit Aufschieblingen und liegendem Stuhl von sechs Bindern überspannt das Wohnhaus, das in Material und Gestaltung das Bauempfinden des frühen 19. Jahrhunderts verkörpert. Im Innern birgt es gehaltvolle Räume mit Feldertäfer und Felderdecken aus der Bauzeit.
 
Das 1819 erstellte Bauernhaus Vers.-Nr. 882 auf Rötiboden wurde 1998 restauriert
 
Im Weiler Rötiboden stehen – eingeschlossen das 1895 erstellte Bienenhaus Vers.-Nr. 881 und der gleich alte Gartenpavillon Vers.-Nr. 878 – sechs Nebenbauten.
 
Das Kellergebäude Vers.-Nr. 883 gehörte ursprünglich zum benachbarten Kernbau Vers.-Nr. 880 und wurde 1817 an Heinrich Brändli verkauft. Es wurde zwischen 1800 und 1816 erbaut. Auf das gemauerte Sockelgeschoss mit den hohen Kellern ist ein Geschoss in verputztem Fachwerk aufgesetzt. Zwei Rundbogenportale und eine Aufzugslukarne gliedern die dem Wohnhaus zugewandte Ostfassade. Der nördliche Kellerraum diente als Wasch- und Schlachtlokal, im südlichen Keller waren Mostfässer eingelagert, im Obergeschoss, erreichbar über eine Türe auf der nördlichen Giebelseite, Holz. Dachkonstruktion und Eindeckung wurden 1983 renoviert.
 
Der «Lohziger»- und Wagenschopf Vers.-Nr. 884 aus der Zeit um 1895, ein Gerüstbau mit Walmdach auf gemauertem Sockelgeschoss, ist ein seltener Zeuge eines Nebengebäudes mit sehr spezifischer Nutzung. Die Wände des Oberbaus wurden mit beweglichen Holzlamellen verkleidet, die eine gute Durchlüftung des Raumes gestatten.
 
Die Stallscheune Vers.-Nr. 885 wurde 1854 von Jakob Höhn erbaut. Über dem Stallgeschoss aus verputzten Bruchsteinmauern erhebt sich der Heuraum, eine bretterverschalte Gerüstkonstruktion aus viermal vier Ständern. Das Ganze wird von einem Sparrendach mit liegendem Stuhl überspannt. Das Erdgeschoss wurde westlich der Tenne als Pferdestall und Obstpresse genutzt und östlich als Kuhstall. Alle Stalleingänge verfügen über ein Rundbogenportal aus Sandstein. Jenes zum Pferdestall trägt im Scheitelstein die Bauinschrift I.H/1854. Der Heuraum im Obergeschoss kann vom Hang her durch die Hocheinfahrt erreicht werden.
 
Die Sennhütte Vers.-Nr. 851 in der Ecke Untermosenstrasse/Rötibodenstrasse wurde 1767 von Johann Jakob Hauser erstellt und später von mehreren Bauern der näheren Umgebung genutzt. In den Verputz eingebundene rote Sernifit- und Schieferstücke beleben die Fassaden in der für den Zürichseeraum bekannten Art. Der Hauptzugang befindet sich auf der östlichen Traufseite. Neben dem Portal steht hier eine erhöht angebrachte Sandsteinbank, auf der die Milchtansen abgestellt werden konnten.
 
Südöstlich der Rötibodenholzstrasse stand bis zum Abbruch im Januar 1996 die zum Zuppingerschen Heimwesen gehörende Scheune Vers.-Nr. 877 mit gemauertem Stallgeschoss und Heuraum in Gerüstbauweise und mit Verschalung aus dekorativ gekreuzten Latten. Der aus dem Jahre 1818 stammende Bau trug ein konvex geschweiftes Dach, wie es sich geographisch im Raum Stäfa – Hombrechtikon und Wädenswil – Horgen konzentriert. 1877 und 1882 erhielt die Scheune giebelseitige Anbauten. 1913 richtete Landwirt Heinrich Zuppinger-Schwarzenbach in der Scheune eine Obst-Dörranlage ein, was in der damaligen Zeit als Pionierleistung galt. Im Jahre 1950 ging die bereits baufällige Scheune in den Besitz der Stiftung Schweizerische Fachschule für Obstverwertung Wädenswil über, die sich leider nicht zur Renovation und Erhaltung entschliessen konnte.

Ziel der Renovation

Im Rahmen von Umgestaltungen im Innern wurde 1974/75 am Stammhaus Rötiboden Vers.-Nr. 880 eine Aussenrenovation durchgeführt. Das Natursteinmauerwerk erhielt einen Verputz mit Kalkfarbanstrich und der an der Giebelfassade des Vorderhauses freigelegte Riegel einen roten Anstrich. Die in Zusammenarbeit mit der kantonalen Denkmalpflege vorgenommenen Arbeiten umfassten sodann den Umbau der fünf bestehenden Wohnungen, den Einbau zweier Dachwohnungen sowie die Erneuerung des Treppenhauses und des Hauseingangs. 1998 wurde auch das Bauernhaus Vers.-Nr. 882 renoviert.

Schutz

Der Hof Rötiboden mit dem Stammhaus Vers.-Nr. 880, dem einst dazu gehörenden Keller- und Schopfgebäude Vers.-Nr. 883 und dem 1819 erbauten Bauernwohnhaus Vers.-Nr. 882 sind heute Schutzobjekte von regionaler Bedeutung, wie die den Hof prägenden Nebenbauten.
 




Peter Ziegler