Erinnerungen an das alte Wädenswil

Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1989 von Fritz Hofstetter

Der 1904 in Wädenswil geborene und auf der Hinteren Fuhr aufgewachsene Fritz Hofstetter lebt heute in Thalwil. Auf 104 grossformatigen Heftseiten hat er kürzlich in sauberer Handschrift Lebenserinnerungen aufgezeichnet. Eine Wädenswil betreffende Auswahl daraus wird nachstehend veröffentlicht.
Wädenswil um 1910. Im Vordergrund das zu Beginn der 1930er Jahre abgebrochene Bahnhof- und Kronengasse-Quartier.

Es brennt im Musli

Es muss am 5. Januar 1909 gewesen sein, vier Tage vor meinem fünften Geburtstag, grimmig kalt, mit 25 Zentimetern Schnee. In unserem Haus, damals Besitz der Gebrüder Hottinger auf dem Büelen, sah man an allen Fenstern Eisblumen, und in den Kammern glänzte der Frost an geweisselten Wänden; wir spürten auch Frostbeulen an den Zehen.
Da rannten um vier Uhr abends beim Oberflurhydranten bei Robert Staubs Scheune im Musli Feuerwehrleute herum. Sie schraubten zwei Schläuche an, rollten sie mit angeforderten Verlängerungen zirka 300 Meter ab, bis zur im ersten Stock brennenden Liegenschaft Lehmann. Baumscherer, Obstsortenzüchter und Hausbrenner Lehmann hatte, wie schon oft, unter Tag in einem Rausch das Bett aufgesucht und war mit obligatem brennendem Stumpen im Mund eingeschlafen. In letzter Minute konnte er aus dem brennenden Bett flüchten; nur in Hemd, Hose und Pantoffeln lehnte er schlotternd am ersten Baum hinter dem Haus. Die Feuerwehr musste tatenlos zusehen; es konnte auch kein Hausrat gerettet werden: Der Hydrant liess keinen Tropfen Wasser durch die Schläuche; er war eingefroren; es war um die zwanzig Grad unter null in jenen Tagen.
Familie Hofstetter vor dem 1908 erworbenen Haus an der Untermosenstrasse.

Meine von der Schule heimgekommene drittälteste Schwester Amalie holte sofort, die Beine in Wadenbinden gewickelt, den Vater im nahen Gulmentobel. Er war trotz tiefem, jedoch trockenem Schnee beim Stocken. Auf kürzestem Weg traf Vater beim hoch lodernden Haus ein und bemühte sich als erstes um den heulenden Bernhardiner an der Kette hinter dem Haus. Kaum hatte er den Hund weggeführt, stürzte der Dachstuhl funkensprühend ein. Das Haus brannte wie ein dürrer Christbaum. Die in Dielen und Kammern verteilten und nun explodierenden Korbflaschen zu 20 bis 50 Litern Schnaps lieferten dem Feuer beste Nahrung.
Gemeinderat und Armenpflege interessierten sich für das abgebrannte Musli-Heimwesen. Die Bürgergemeinde-Versammlung stimmte dem Kauf im Februar 1911 zu. 1911/12 baute die Gemeinde hier das Bürgerheim mit Stallgebäude und geräumigem Holzschopf, aus dem noch arbeitsfähige Männer mit eigenem Ochsenfuhrwerk einen grossen Kundenkreis mit Ring- und Sackholz belieferten.

Launisches Wetter

Das ereignisreiche Jahr 1908 bescherte unserer Gegend am Samstag/Sonntag 23./24. Mai nach vorangegangenem intensivem Regen über Nach einen ebenso intensiven Schneefall mit verheerenden Folgen für die Kulturen. Auch die Feuerwehr wurde aufgeboten, um auf Verkehrswegen Bäume und Äste im voller Laub und Blütenschmuck freizumachen. Ein faszinierendes Bild boten die ersten Heuschoche mit ihren gegen dreissig Zentimeter dicken weissen Kappen. Die nach folgende Erwärmung und Schönwetterlage machte vieles wieder gut; es gab noch eine ertragreiche Heuernte.
Hochwasser vom Juni 1910: Teile des Seeplatzes Wädenswil sind überflutet.
 
Der Monat Juni 1910 bescherte der ganzen Schweiz schwere Hochwasser. Der Wädenswiler Seeplatz stand bis zum Bahnübergang beim «Engel» unter Wasser Die Wellen nagten schon am Geleiseschotter, und die Züge mussten im 10- bis 15-Kilometer-Tempo dem See entlang fahren. Um den Anschluss an die Schiffe zu gewährleisten, erstellte man solide Notstege.
1911 erlebte man dann die Kehrseite. Eine Hitzewelle vom Juni bis August machte die Rationierung des Wasserbezugs notwendig. Die Gemeinde-Spritzenwagen führten Trinkwasser aus grosser Entfernung herbei. Es brauchte sogar polizeiliche Massnahmen gegen Wasserverschwender. Um die Reservoire nachfüllen zu können, stellte das Wasserwerk das Wasser stundenweise ganz ab.
 

Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg

Zur grossen Freude durfte ich 1914 unter der Leitung von Primarlehrer Hans Häberling die dreiwöchige Ferienkolonie in Serneus-Mezzaselva miterleben. Schon die lange Reise ins Prättigau − mit Dampfbetrieb − war bei schönstem Sommerwetter begeisternd. Vor dem Nachtessen erfuhren wir am 4. August von Herrn Häberling die bittere Nachricht, dass Deutschland Frankreich den Krieg erklärt habe; für die Schweiz gab es Mobilmachung. Wegen rigorosen Hamsterkäufen wurden die Lebensmittel knapp, und die Behörden sahen sich später gezwungen, eine straffe Rationierung einzuführen. Man gewöhnte sich ziemlich schnell an die Einschränkungen.
Mit Hilfe von Sekundarschülern wurden 1915 bis 1918 auch in Wädenswil Kartoffeln angebaut. In klassenweiser Ablösung besorgten wir das Anpflanzen, Hacken, Häufeln und Jäten. Trotz zeitweiser Schwielen an den Händen, herrschte eine kameradschaftliche Atmosphäre. Ja, man freute sich, an − damals noch frischer − Luft und Sonne die Schulbank zu vergessen.
 

Bei den Kadetten

Das in drei Züge gegliederte Kadettenkorps in Kompaniestärke war der Stolz von rund 120 Wädenswiler Burschen. Auch der Schreibende war während dreier Jahre dabei. Dass sechs Trommler und zehn Pfeifer das stramme Korps anführten, verdankte man Heiri Funk, dessen Vater als Tambour-Instruktor wirkte. Besonders stolz waren die Kadetten auf die schmucke, von der Familie Gessner geschenkte seidene Fahne. Mein strammer Schulkamerad Hans Stettler trug sie mit schneidiger Haltung zur Schau. In den Herbstferien 1917 gab es ein grosses Kadettenmanöver. Zusammen mit den Horgnern, Küsnachtern und Stäfnern kämpften wir im Raum vorderer Pfannenstiel − Esslingen − Oetwil gegen unsere «Feinde» aus Rüti, Wetzikon und Uster. Die Manöver standen unter der Leitung eines im Aktivdienst beurlaubten Majors. Nach Übungsabbruch erhielten wir in einer der umliegenden Gaststätten einen grossen Schübling mit Kartoffelsalat.

Flüchtlinge

Im Oktober und November 1917 und auch noch im Jahre 1918 hielten im Bahnhof Wädenswil Austauschzüge mit schwerverwundeten Wehrmännern. Mitglieder des Samaritervereins, unter der bewährten Leitung von Feldweibel Hans Häberling, halfen den beiden Dorfdoktoren, die fremden Soldaten während der zeitlich beschnittenen Aufenthalte zu verpflegen und zu verarzten. Der Bahnhof war jeweils militärisch abgesperrt; aber wir Buben konnten von der Passerelle beim «Schiffli» herab in die Hurdenlager auf Dreiachswagen hinunterschauen und so Teile des Grauens betrachten: Leute mit dicken Verbänden um den Kopf sowie Amputierte, von denen man nur Körperumrisse erkannte.
Drei Monate später wurde bei der Ankunft von Verwundeten-Zügen auch die Passerelle gesperrt. Denn Leute hatten versucht, den Verletzten durch die nur wenig geöffneten Fenster Früchte und Schokolade zuzuwerfen. Zum Teil waren die Eisenbahnwagen defekt; die fehlenden Scheiben hatte man mit Brettern vernagelt. Sanitätsfeldweibel Häberling, der einen Kameraden aus Basel ablöste, begleitete die Züge bis Buchs bzw. St. Margrethen. Für die Reisenden ein qualvoller, langer Weg vom Elsass bis hinunter nach Konstantinopel! Da gab es auch «Erlöste», namenlose Helden, die man bei einem Nothalt auslud.

Schlitteln

Eine befreiende, frohe Atmosphäre brachte der Mitte November 1917 eingebrochene strenge Winter. Bis vor Weihnachten gab es ausgezeichnete Schlittelbahnen. Für uns die Untermosenstrasse vom Oedischwänd bis zur Zugerstrasse bei der Metzgerei Streuli. Eine andere Bahn − hier musste man allerdings auf die Rösslipost Rücksicht nehmen − führte vom Sandhof oder Friedhof bis zum «Hirschen» an der Schönenbergstrasse. Auf der schneebedeckten Zugerstrasse kam man vom Hangenmoos bis zum Bahnübergang beim «Engel». Beim «Hirschen», wo sich zwei Bahnen vereinigten, harrten Zuschauer in mondhellen Nächten bis halb elf Uhr aus.
Ich steuerte eine zweiplätzige «Geiss»; Ernst Hauser auf der Vorderen Fuhr stellte zeitweise auch seinen Hornschlitten zur Verfügung. Mit zwei aus Hausers Zigerligestell ergatterten Laden liess sich die Sitzfläche vergrössern. Die bis 18 fröhlichen Jungen und zwei Akkordeonspieler als Schlusslicht wurden auf ihrer Fahrt am «Hirschen» vorbei stürmisch beklatscht. Auf dem halbstündigen, sanft ansteigenden Rückweg im stillen, kalten Abend, wurde man vielmals wieder daran erinnert, dass eigentlich Krieg herrschte. Der hartgefrorene Boden übertrug das dumpfe Donnerrollen aus den Vogesen, wo am Hartmannsweilerkopf unter schweren Verlusten immer wieder die Stellungen wechselten. Eine sehr traurige Vorweihnachtszeit!
Der Kavallerieverein führte mit seinen gutgestriegelten Pferden in spiegelnd gewichster Zäumung zu jener Zeit öfters Schlittenpartien durch. In den mit Bettflaschen oder Chriesisteinsäcken vorgewärmten Schlitten sassen zum grossen Teil Mütter und rotbackige Schwestern in dicke farbenfroh karierte Decken gehüllt. Auch ansässige Firmen − die Familie Weber in der Brauerei und die Familie Schnyder von der Rosshaarspinnerei − beteiligten sich mit ihren wohlbehüteten Stallbewohnern an gemeinsamen Ausfahrten. Neubüel, Herrlisberg, Feld und Tanne waren begehrte Lokale, wo die Ein- und Zweispänner anhielten, damit die Pferde verschnaufen, die Reisenden sich stärken oder mitunter bei einem Tänzlein vergnügen konnten.
 

Grippewelle

1918 löste die heimtückische Grippe-Epidemie in allen Volksschichten Angst und Kummer aus. In vielen Familien stiegen auch bei bärenstarken Vätern und Söhnen die Fieber von einer Stunde auf die andere rasant in die Höhe, was zu vielen Todesfällen führte. Weitherum mussten Schulhäuser als Notspitäler benützt werden, auch das alte Eidmattschulhaus. Annähernd hundert Betten standen hier bereit; Mitglieder des Samaritervereins Wädenswil pflegten die Erkrankten.
In allen Berufen riss der Tod Lücken. Besonders schlimm war es auf vielen Bauernhöfen bestellt: der hoffnungsvolle Sohn im Aktivdienst erkrankt und gestorben, der Vater von der Grippe dahingerafft − da brauchte eine Bäuerin mit zwei bis vier schulpflichtigen Kindern alleräusserste Kraft zum Durchhalten. Mit Hilfe ihrer Kleinen musste sie täglich für das Vieh sorgen und den Stall in Ordnung halten. Erst gegen Ende März 1919 zeigte sich im ganzen Land eine Besserung.

Nachbarn

Heinrich Hauser auf der Hinteren Fuhr und das Kinderheim Bühl mit stattlichem Landwirtschaftsbetrieb waren unsere grössten Grenzanstösser auf Untermosen. Die grosse Scheune steht noch heute am oberen Ende des Tobels, das südöstlich des Baches mit kräftigen Eschen und Buchen bewaldet ist. Leider wird der mehr als drei Meter lange Brunnentrog heute nicht mehr vom dicken Quellwasserstrahl durchflutet; der Trog ist vermoost und gleicht einem Schutthaufen! Schade. Er passte so gut zur nebenstehenden Sennhütte, in der man eine dauernd gurgelnde Quelle hören konnte. Alles beste Wasserqualität aus der Tiefe des bewaldeten Rötiboden.
Es ergab sich von selbst, dass wir Kinder uns je nach Jahreszeit gelegentlich mit Zöglingen unterhielten, die Hausvater Zürrer-Melchert ihrem körperlichen und geistigen Zustand entsprechend mit viel Erfolg im grossen Umgelände einsetzen konnte. Der taubstumme Traugott, einer der ältesten Insassen, erheiterte uns an Sonntagen des Öftern mit schönen Mundharmonika-Tönen vor den Stubenfenstern. Er verstand es, alte Schweizer Schullieder vortrefflich zu intonieren. Bei kalter Witterung offerierte ihm meine Mutter in der Stube bisweilen einen Kaffee und ein Stück Gugelhopf.
 

Grastransport am Waschtag

Vom Frühsommer bis in den Herbst wurden von unserem Haus hinweg Grasfuhren die steile Untermosenstrasse hinaufgezogen. Der bucklige Bühl-Knecht führte die beiden Zugtiere, Zwitter, mit grosser Geduld. Man sah ihn weder mit Stecken noch mit GeisseI. Er führte die Tiere an der Halfter und redete mit ihnen. Bei jedem Schnaufhalt legten wir Buben, wenn wir schulfrei waren und die Fuhren begleiten konnten − einen handgrossen Stein unter ein Hinterrad. Dann lockerte der Fuhrmann mit einem «Vergällt's Gott» die Zugstricke.
Ähnliche Probleme hatte auch Heiri Hauser von der Hinteren Fuhr mit seinem «Eidgenoss», dem «Fuchs». Eines seiner Landstücke reichte von der Scheune (bei der heutigen Schulanlage Untermosen) bis hinunter an die Bürgerheimstrasse. Die Zufahrt führte hart an der Südwestfront unseres Hauses vorbei. Nicht begeistert war der Bauer Hauser, wenn Mutters grosse Wäsche an den Leinen entlang des Weges flatterte. Dann brauchte er seine ganze Kraft, um das Pferd an der Halfter halten und beruhigen zu können. Die Mutter beobachtete daher am frühen Morgen, ob Hauser mähte, und wartete dann mit Aufhängen, bis Heiri vor dem Znüni das Gras zur Scheune hinaufbeförderte. Bei sonnigem Wetter ging ja keine Zeit verloren.

Maul- und Klauenseuche

Kaum konnte man die schmerzliche Zeit der Grippewelle vergessen, gab es für die damals über 120 Landwirtschaftsbetriebe in der Gemeinde eine neue schreckliche Wirklichkeit. Das Rindvieh wurde von heftigen, hohen Fiebern befallen, und das Maul zeigte bis zum Rachen brennende Blasen. Die armen Tiere konnten weder fressen noch kauen und litten unter unsäglichem Durst. Die Klauen entzündeten sich, und eine schwere Kuh vermochte kaum noch zu stehen. Die kantonalen Veterinärämter befahlen überall Notschlachtungen.
Man muss heute noch mitfühlen können, was es hiess, wenn Schlachthoftransporter vor dem Stall auffuhren und die Klappen öffneten. Mit herzzerreissenden Schreien wurden die armen Tiere in die Wagen und Anhänger geprügelt. Es pressiere, mahnten die Schlächter, es müssten noch viele Ställe geleert werden. Mit verweinten Augen mussten betroffene Familien vom «Vreni», «Lisi», «Trudi» und «Lotti», erstklassigen Milchkühen, Abschied nehmen. Gemäss veterinärpolizeilicher Verfügung musste jeder Stall sofort mit chlorhaItigem Wasser ausgespritzt und saubergeschrubbt werden. Auch da gab es nochmals wehmütige Momente, etwa wenn der Blick auf eines der nun wertlosen Namensschilder ob der Futterkrippe fiel. Aus seuchenfreien Gebieten, selbst aus dem Ausland importiertes Jungvieh half die Lücken füllen. Nach vier bis sechs Jahren waren alle Ställe wieder vollbesetzt.

Vom Strassenwesen

Bis Mitte der 1920er Jahre wurden die Kantonsstrassen auch in Wädenswil nach jeweils drei bis vier Jahren mit neuem Belag versehen. Strassenwärter verschiedener Netze wurden dann zusammengezogen, um den aufwendigen Dampfwalzenbetrieb zu beschleunigen. Schotter und Sand aus den Gruben von Mühlehorn, Weesen und Mollis trafen per Bahn in Wädenswil ein. Meinem Vater oblag es als Kantonsstrassenwärter, zusätzliche Arbeitskräfte aufzutreiben und bei den Fuhrhaltereien Arwed Schiess und Emil Schärer vier bis sechs Pferde für Kiestransporte vom Güterschuppen zum Walzenbetrieb anzufordern. Ein zehn bis zwölf Tonnen schweres Fahrzeug, der Aufreisser mit Spitzeisen aus scharfem Stahl, riss die Strasse 30 bis 50 Zentimeter tief auf. Dann wurde der zerquetschte Belag weggeschafft und in gemeindeeigenen Deponien abgelagert: er konnte für das Ausbessern von Gemeindestrassen 1. KIasse wieder verwendet werden. Auch Landwirte holten mit eigenem Gespann gerne Belagsreste für Hof- und Scheunenzufahrten.
Oft wurden im Strassenbau Arbeitslose beschäftigt. Auch kräftige Bürgerheiminsassen hatten Gelegenheit, an der Strasse zu arbeiten. Sie werkten gerne unter Vaters Anleitung, nicht zuletzt, weil er immer von der Brauerei geschenkte Biermarken auf sich trug.
Der Walzenbetrieb begann morgens um halb sieben Uhr, wurde um halb neun für eine Znünipause unterbrochen und dauerte dann wieder von neun bis zwölf und von ein bis sechs Uhr.
Am Sonntag schrieb der Vater in deutscher Schrift fein säuberliche Rapporte über geleistete Laufmeter an der Strasse, über Fuhrleistungen und den Einsatz zusätzlicher Arbeiter und über Arbeitsleistungen der Schmiede (z.B. Schärfen der Spitzeisen der Aufreisser).

Unfall mit dem Schlammwagen

Nach langen Regenperioden halfen Leute aus dem Bürgerheim, die schlammbedeckten Strassen sauber zu scharren. Dazu stand ein spezieller Schlamm-Tiefgangwagen zur Verfügung. Seinen Inhalt schüttete man am Seeplatz an, und zwar vom 1916 erstellten zweiten Landesteg in südlicher Richtung.
An einem regnerischen Samstagnachmittag im November 1916, es dämmerte schon, war der Fuhrmann mit dem Schlammwagen auf dem Seeplatz mit dem Rückwärtsmanöver beschäftigt. Sorgsam zügelte er die Pferde an der Deichsel, da rutschte mit dem letzten Ruck der Geländeansatz samt Wagen und Pferden ins trübe Wasser. Mit letzter Kraft hielt der Fuhrmann die Pferde; das Wasser gurgelte ihnen schon bis zum Halsansatz. Blitzschnell sprang Vater zwischen die Pferde, löste im kalten Wasser die Zugstricke, beruhigte die Tiere durch Streicheln und zog sie auf sicheren Boden. Vom Wagen ragte nur noch die Deichsel aus dem starken Wellengang. Über die Geleise hinweg holte der Fuhrmann im Güterschuppen eine Kette und sicherte damit in tropfenden Kleidern den Wagen an der Passerelle. In leichtem Trab brachte der Fuhrmann die zitternden Pferde über den Bahnübergang beim «Engel» und via Du LacPlätzli − Luftstrasse in die Stallungen von Arwed Schiess, wo sie mit Stroh abgerieben und sofort gefüttert wurden. Es war schon dunkel, als der Vater in der Stube todmüde auf das Sofa sank. Er konnte nicht erzählen, was vor einer Stunde passiert war, und sagte nur: Ich lebe noch!
Am folgenden Montag wurde dann der Schlammwagen an einer langen Kette vierspännig auf sicheren Boden gezogen. Kreisingenieur Keller vom Tiefbauamt Iiess sich im «Schiffli» persönlich über den Hergang des glücklich verlaufenen Vorfalls orientieren und belohnte die Männer und den Fuhrhalter mit je hundert Franken.
Ein Pferdefuhrwerk lagert am Ostende des Wädenswiler Seeplatzes Hauskehricht ab.

Militär im Dorf

Während des Ersten Weltkrieges war vorübergehend das Aargauer Bataillon 55 in Wädenswil einquartiert. Am Ostersonntag 1915 oder 1916 wurden die Wehrmänner von hiesigen Familien zu Tisch geladen. Daraus ergaben sich über Jahre hinweg briefliche und persönliche Kontakte, ja zwei Jahre später sogar zwei Vermählungen.
Als das Bataillon am Etzel und Hohron grosse Manöver gegen ein Schwyzer Bataillon zu bestehen hatte, begleiteten wir Buben die Soldaten bis hinauf nach Schindellegi. Beim Sternenweiher machten wir bei einer Feldküche Halt. Es roch fein nach Fleischsuppe. Und als der Küchenchef vernahm, dass wir Wädenswiler waren, gab er uns eine halbe Gamelle Brühe und einen halben Spatz.

Meine Lehrerinnen und Lehrer

Die «Gfätterlischule» besuchte ich bei Tante Anna Hauser, die erste und zweite Klasse bei Fräulein Straumann. Dann kam ich in die dritte und vierte Klasse zu Lehrer Otto Korrodi. In der fünften und sechsten Klasse unterrichtete mich Rudolf Leuthold im Krähbach, wegen seiner dämlichen Haltung und Gangart im Schülermund «Babettli» genannt. Emil Stäuber mit Thurgauer-Dialekt und Eugen Meier waren ab 1916 meine Sekundarlehrer. Turnunterricht erteilte Johannes Schläpfer, Gesangsstunden Paul Waldburger, Religionsunterricht Pfarrer Albert Schreiber, dessen Tochter Helene meine Klassenkameradin war.

Es brennt im Bühl

Unvergesslich die Schreckensnacht vom 9./10. November 1932 mit dem verheerenden Brand des Kinderheims Bühl. Elf Insassen und eine KochIehrtochter fanden einen qualvollen Tod. Die Zahl der Opfer wäre wohl noch höher ausgefallen, hätte es den Feuerwehrkommandanten und Dachdecker Hans Rodel am Rotweg nicht gegeben. Unter höchster Lebensgefahr bestieg er dreimal die Auszugsleiter. Aus raucherfüllten und von Flammen ergriffenen Zimmern rettete er sechs schreiende, unter Betten und in Kästen versteckte Kinder. Feuerwehroffizier und Bürgerheimverwalter Arthur Joss hüllte sie in Decken und liess sie im Bürgerheim in Obhut bringen. Dr. Hess und Dr. Ochsner verarzteten auf dem Brandplatz. Wenn man die räumlichen Verhältnisse des Hauses kannte, grenzte es an ein Wunder, dass sich die Heimeltern retten konnten. Ein verärgerter 42-jähriger Insasse hatte das Feuer im Treppenhaus gelegt.
9./10. November 1932: Verheerender Brand im Kinderheim Bühl.

Die Katastrophe löste in Wädenswil und in der ganzen deutschen Schweiz eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Für den Wiederaufbau wurden innert kurzer Zeit mehr als 100‘000 Franken gesammelt. Das private Heim wurde in eine Stiftung umgewandelt. Die Familien Melchert und Zürrer übertrugen dieser sämtliche Liegenschaften mit Zubehör. Für den Neubau wählte der Stiftungsrat die Wädenswiler Architekten H. Streuli, nachmals Bundesrat, und F. Fisch. Zunächst bedurfte es eines Landabtausches mit Gottfried Höhn auf Rötiboden. Ausgerechnet in der Stunde, da auf dem Bauplatz der Grundstein gelegt werden sollte, starb Hausvater Zürrer. Als Riesenaufgabe stand nun der geplante Neubau vor den beiden Hausmüttern, Lydia Zürrer und Frau Melchert. Wie froh waren sie um den Stiftungsrat und dessen Präsidenten, Arthur Joss.
In schönster Lage unter der Rötiboden-Waldung konnte das neue Heim am 4. Juli 1934 eingeweiht werden. Es bot genügend Raum für 72 Kinder und für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Bahnhofneubau

Was heute in oppositionsgeladener Stimmung nicht mehr möglich wäre, hat Wädenswil in den Jahren 1930 bis 1934 mit der Neugestaltung des Bahnhofareals als wahre Pionierleistung vollbracht. Der Auftakt dazu war die Volksabstimmung vom 23. Februar 1930. Damals beschloss man, den Bahnhof weiter nördlich zu verlegen und neu zu bauen und die Häuser «Schiffli», «Bellevue», «Pöstli», «Johannisburg», «Krone», «Akazie», «Seeau» und «Blume» abzubrechen. Beseitigt wurde auch die legendäre Passerelle beim «Schiffli», von der man so guten Überblick über den zauberhaft beleuchteten Chilbibetrieb geniessen konnte. Im Zuge des nun vollendeten Doppelspurausbaus verschwand auch die Engel-Barriere mit Wärterhäuschen. Dafür gab es nun Perrons und ein neues Café Brändli im grossen Kronenblock.
Im Wädenswiler Bahnhofsquartier um 1930. Links der Pavillon de Hotels Du Lacs, rechts der 1934 abgebrochene Bahnhof. Im Hintergrund das Restaurant «Schiffli».


Erinnerungen an den Aktivdienst

Am Montag, 21. August 1939, eine Woche vor der Chilbi, pilgerte ich in Begleitung meiner Gemahlin, den Tornister vollgepackt, mit gemischten Gefühlen zum Bahnhof, um nach Winterthur zu unserm neu aufgestellten Landwehrbataillon 107 einzurücken. Auf frischgemähter Wiese in der Grüze wurde Marschbereitschaft erstellt. Dann verschob sich das ganze Bataillon im Fussmarsch Richtung Elgg, Aadorf, Guntershausen. Laut Tagesbefehlen gab es in den nächsten Tagen vorab Nahkampfübungen und intensive Schiessprogramme, auch mit Gasmaske.
Ende August hörten wir, dass der Grenzschutz einrückte. Am 1. September 1939 näherte sich uns um 11 Uhr 30 vom BataiIlonskommando in Aadorf her ein schweisstriefender Trompeter, übermittelte die Meldung von der Mobilmachung und blies elegant den Generalmarsch. Ohne Befehl standen wir in Achtungsstellung und hörten noch den Schluss des Mobilmachungsbefehls. Los ging es nun, Guntershausen zu. Aus allen offenen Fenstern hörte man Bekanntmachungen am Radio für einrückende Truppen. Im Kantonnement herrschte Hochbetrieb. Der Tornister wurde bis auf den letzten Zentimeter mit Leibwäsche, Notrationen, Notverbandstoff und scharfer Munition vollgestopft. Wir standen im Aktivdienst, was am Hauptverlesen näher erläutert wurde. Hauptmann Schoop zitierte uns, auf dem kohlschwarzen Hengst im Sattel, mit feuchten Augen: «Unser Leben gleicht der Reise, eines Wandrers in der Nacht. Jeder hat auf seinem Gleise, etwas, das ihm Kummer macht ... » Am Abend marschierten wir mit klingendem Spiel ab, Richtung Winterthur und erhielten in einem Schulhaus in Wülflingen Unterkunft im Stroh.
In der dritten Septemberwoche erhielt ich zwei Tage Urlaub. Vor der Abreise in Wädenswil musste ich mich beim Sektionschef melden. Von ihm erfuhr ich, dass unsere Kompanie inzwischen in Lieli ob Birmensdorf Quartier bezogen hatte.
Kommando-Zug II/107 vor der Turnhalle Dielsdorf, 1940.

Mit Freudengebrüll empfingen mich meine Kameraden, und der Gefreite, der für unseren Schlag verantwortlich war, wies mir ausgerechnet einen Platz bei der Türe an.
Bis in den Oktober hinein bauten wir, oft bei stürmischen Regengüssen, dann bei erstem Schnee, unter der Anleitung eines Sappeur-Gefreiten Holzbunker. Mitte Oktober verbreitete Feldweibel Jud an einem Hauptverlesen die Neuigkeit, Hauptmann Schoop sei die Befehlsgewalt entzogen worden: er hatte unter anderem durch Fourier Kälin, seinen kaufmännischen Angestellten, auf der Kompanie-Schreibmaschine Geschäftskorrespondenz erledigen lassen.
Am nächsten Morgen stellte sich Hauptmann Walter Marty, Lehrer in Wädenswil, zur Begrüssung vor die Kompanie. Vorerst gab er zu verstehen, wir seien hier in Lieli keine Ferienkolonie, und er freue sich, eine einsatzbereite Mannschaft führen zu dürfen. Dass wir an einer wichtigen Baustelle arbeiten mussten, wurde uns jede Woche einmal bewusst, wenn Divisionskommandant Constam mit seinem Adjutanten und Genieoffizieren das Fortschreiten der Arbeiten in der ersten Reduitstellung um Zürich unter die Lupe nahm.

Hauptmann Walter Marty.

Waldweihnacht

Am 23. Dezember 1939 abends feierte unsere Kompanie in einem Wald bei Äsch Waldweihnacht. In leichtem Luftzug stand eine schöne Tanne im Lichterglanz von einigen Dutzend Kerzen. Eine Schulklasse stellte sich im Halbkreis auf und wir uns zugsweise dahinter. Punkt 19 Uhr meldete der Feldweibel unserem Hauptmann Marty: «Kompanie zur Feier bereit!» Der Kommandant begrüsste die Schulklasse, die Dorfbewohner mit Gemeindepräsident Gugerli sowie Pfarrer Sonderegger aus Birmensdorf. Die Fünftklässler stimmten «O Tannenbaum» an, dann hielt der Pfarrer eine kurze Predigt. Er machte uns Mut zum Durchhalten mit Gottvertrauen und Vertrauen in unsere Führung, in General Guisan. Drei Mädchen spielten auf ihren Violinen «Es ist ein Ros entsprungen ... ». Nach dem Vaterunser sangen die Schüler «Stille Nacht, heilige Nacht». Dann übergaben Frauen aus den bereitstehenden, gut gedeckten Wäschezainen jedem ein Päckli. Es enthielt ohne Ausnahme handgestrickte Socken oder warme Unterwäsche, alles brauchbare Artikel für den Winterdienst. Die Schüler bekamen Grittibenzen und Lebkuchen zum Knabbern. Es war eine eindrücklich gestaltete Weihnachtsfeier, die mancher nicht so schnell vergass.
 
Aushub eines Schützengrabens südlich von Dielsdorf.




Fritz Hofstetter,
Thalwil